Szenario-Analyse: Wann maximiert die Volleinspeisung Ihren PV-Gewinn noch?

Szenario-Analyse: Wann maximiert die Volleinspeisung noch Ihren PV-Gewinn?

Die gängige Meinung zur Photovoltaik ist eindeutig: Der größte finanzielle Vorteil entsteht, wenn Sie möglichst viel des selbst erzeugten Stroms direkt im eigenen Haushalt verbrauchen. Dieser Eigenverbrauch schützt Sie vor steigenden Strompreisen und macht Sie unabhängiger. Doch was, wenn Ihr Dach groß ist, Ihr Stromverbrauch am Tag aber gering? In solchen Fällen kann ein oft übersehenes Modell wieder überraschend attraktiv werden: die Volleinspeisung.

Dieser Beitrag zeigt, für wen und unter welchen Umständen es sich heute noch lohnen kann, den gesamten Solarstrom zu verkaufen, um den Gewinn der eigenen Photovoltaikanlage zu maximieren.

Das Duell der Konzepte: Eigenverbrauch gegen Volleinspeisung

Um die richtige Entscheidung für Ihre Immobilie zu treffen, sollten Sie die beiden grundlegenden Betriebsmodelle einer Photovoltaikanlage kennen, die sich fundamental in ihrem Ziel und ihrer Funktionsweise unterscheiden.

Modell 1: Die Anlage mit Eigenverbrauch (Überschusseinspeisung)

Das heute gängigste Modell funktioniert so: Ihre PV-Anlage versorgt zunächst Ihr eigenes Haus mit Strom. Nur der Strom, den Sie im Moment der Erzeugung nicht selbst verbrauchen können – der sogenannte Überschuss –, wird ins öffentliche Netz eingespeist. Dafür erhalten Sie eine staatlich garantierte Einspeisevergütung. Der Hauptvorteil liegt in der Einsparung: Jede Kilowattstunde (kWh), die Sie selbst verbrauchen, müssen Sie nicht teuer vom Energieversorger einkaufen (aktuell oft über 30 Cent/kWh).

  • Typisches Szenario: Ein Vierpersonenhaushalt mit einem Jahresverbrauch von 4.500 kWh. Tagsüber laufen Waschmaschine, Spülmaschine und eventuell wird das E-Auto geladen. Ein großer Teil des Solarstroms wird direkt genutzt.

Modell 2: Die Anlage zur Volleinspeisung

Bei diesem Modell wird der gesamte erzeugte Solarstrom unmittelbar in das öffentliche Netz eingespeist. Sie verbrauchen also selbst nichts davon, sondern verkaufen 100 % Ihrer Produktion an den Netzbetreiber. Dafür erhalten Sie eine eigene, höhere Einspeisevergütung als bei der Überschusseinspeisung. Ihren Strombedarf decken Sie weiterhin vollständig über Ihren Energieversorger.

  • Typisches Szenario: Ein landwirtschaftlicher Betrieb mit einer großen, ungenutzten Scheune. Der Stromverbrauch im Betrieb ist gering, die Dachfläche aber riesig. Oder ein Pendler-Paar, das tagsüber nie zu Hause ist und somit kaum Strom verbraucht, wenn die Sonne scheint.

Die entscheidenden Faktoren: Wann rechnet sich die Volleinspeisung?

Die Entscheidung für oder gegen die Volleinspeisung hängt nicht von einer einzelnen Kennzahl ab, sondern vom Zusammenspiel mehrerer Faktoren. Insbesondere seit der Anpassung des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) 2023 ist das Modell wieder deutlich attraktiver geworden.

Faktor 1: Die höhere Einspeisevergütung als Game-Changer

Der wichtigste Anreiz für die Volleinspeisung ist der deutlich höhere Vergütungssatz. Mit dem EEG 2023 wurde hier eine klare Trennung geschaffen, um die Nutzung großer Dachflächen zu fördern.

Eine Faustregel zur Orientierung (Stand Anfang 2024):

  • Überschusseinspeisung: ca. 8,1 Cent pro kWh (für Anlagen bis 10 kWp)
  • Volleinspeisung: bis zu 12,9 Cent pro kWh (für Anlagen bis 10 kWp)

Das sind fast 5 Cent mehr pro Kilowattstunde – ein Unterschied von über 50 %. Bei einer großen Anlage mit einer Jahresproduktion von 15.000 kWh summiert sich dieser Bonus auf rund 750 € pro Jahr.

Faktor 2: Ihr persönliches Verbrauchsprofil

Die attraktivste Vergütung nützt wenig, wenn Sie durch Eigenverbrauch mehr sparen könnten. Die zentrale Frage lautet daher: Wann verbrauchen Sie Ihren Strom?

Die Volleinspeisung ist besonders interessant, wenn Ihre Solarstromerzeugung und Ihr Stromverbrauch zeitlich stark voneinander abweichen.

  • Beispiel Pendler: Sie verlassen morgens um 7 Uhr das Haus und kommen um 18 Uhr zurück. In der Hauptproduktionszeit Ihrer PV-Anlage (10 bis 16 Uhr) sind nur Kühlschrank und Router aktiv. Ihr Eigenverbrauchsanteil wäre ohne einen teuren Stromspeicher minimal.
  • Beispiel Ferienhaus: Sie nutzen die Immobilie hauptsächlich an Wochenenden. Unter der Woche könnte die Anlage auf dem Dach ungestört Geld für Sie verdienen, anstatt ungenutzt Strom zu produzieren.

Faktor 3: Maximale Dachflächennutzung ohne Speicher

Eine auf Eigenverbrauch optimierte Anlage wird oft so dimensioniert, dass sie zum Verbrauch des Haushalts passt. Bei der Volleinspeisung entfällt diese Überlegung. Hier gilt: Je größer die Anlage, desto höher der Ertrag. Sie können Ihre gesamte verfügbare und geeignete Dachfläche nutzen, ohne sich Gedanken über die Speicherung des überschüssigen Stroms machen zu müssen.

Um den Eigenverbrauch zu erhöhen, planen viele Anlagenbetreiber von vornherein einen Stromspeicher mit ein. Die Kosten für einen solchen Speicher von oft 5.000 bis 10.000 € sparen Sie bei einer Volleinspeiseanlage komplett ein. Stattdessen kann dieses Geld in zusätzliche Solarmodule investiert werden, was den Gesamtertrag weiter steigert.

Faktor 4: Vereinfachte Planung und Installation

Eine Anlage zur Volleinspeisung ist technisch oft einfacher aufgebaut. Die komplexe Einbindung in den Haushaltsstromkreis, die Priorisierung von Verbrauchern und die Integration eines Speichers entfallen. Das vereinfacht die Planung und kann potenziell die Installationskosten senken.

Konkrete Rechenbeispiele: Wann kippt die Entscheidung?

Sehen wir uns zwei typische Szenarien mit einer Anlagengröße von 15 kWp an, die jährlich rund 15.000 kWh Strom erzeugt. Die Kosten einer PV-Anlage dieser Größe liegen ohne Speicher bei etwa 20.000 €.

Annahmen:

  • Strompreis vom Versorger: 35 Cent/kWh
  • Vergütung Überschusseinspeisung (Ø für 15 kWp): 7,9 Cent/kWh
  • Vergütung Volleinspeisung (Ø für 15 kWp): 11,3 Cent/kWh

Szenario A: Familie mit hohem Tagesverbrauch

  • Jahresstromverbrauch: 5.000 kWh
  • Eigenverbrauchsanteil (ohne Speicher): 30 % = 1.500 kWh

Rechnung (Eigenverbrauch):

  1. Ersparnis durch Eigenverbrauch: 1.500 kWh · 35 Cent/kWh = 525 €
  2. Einnahmen durch Einspeisung: (15.000 kWh – 1.500 kWh) · 7,9 Cent/kWh = 13.500 kWh · 0,079 €/kWh = 1.066,50 €
  3. Gesamtertrag pro Jahr: 525 € + 1.066,50 € = 1.591,50 €

Rechnung (Volleinspeisung):

  • Einnahmen durch Einspeisung: 15.000 kWh · 11,3 Cent/kWh = 1.695 €

Ergebnis: In diesem Fall liegt die Volleinspeisung knapp vorn. Würde die Familie jedoch einen Speicher installieren und den Eigenverbrauch auf 70 % (3.500 kWh) steigern, sähe die Rechnung anders aus: Die Ersparnis stiege auf 1.225 €, womit das Eigenverbrauchsmodell klar gewänne – allerdings bei höheren Anfangsinvestitionen.

Szenario B: Pendlerhaushalt mit geringem Tagesverbrauch

  • Jahresstromverbrauch: 3.000 kWh
  • Eigenverbrauchsanteil (ohne Speicher): 15 % = 450 kWh

Rechnung (Eigenverbrauch):

  1. Ersparnis durch Eigenverbrauch: 450 kWh · 35 Cent/kWh = 157,50 €
  2. Einnahmen durch Einspeisung: (15.000 kWh – 450 kWh) · 7,9 Cent/kWh = 14.550 kWh · 0,079 €/kWh = 1.149,45 €
  3. Gesamtertrag pro Jahr: 157,50 € + 1.149,45 € = 1.306,95 €

Rechnung (Volleinspeisung):

  • Einnahmen durch Einspeisung: 15.000 kWh · 11,3 Cent/kWh = 1.695 €

Ergebnis: Hier ist der Vorteil der Volleinspeisung mit fast 400 € pro Jahr deutlich, weshalb der Verzicht auf den Eigenverbrauch die wirtschaftlich sinnvollere Entscheidung ist.

Rechtliche und steuerliche Rahmenbedingungen

Das EEG 2023 hat die Volleinspeisung nicht nur durch höhere Sätze attraktiver gemacht, sondern auch flexibler. Es ist nun möglich, auf einem Dach zwei getrennte Anlagen zu betreiben: eine für den Eigenverbrauch und eine für die Volleinspeisung. So können Sie beispielsweise eine kleinere Anlage (z. B. bis 10 kWp) für Ihren Haushalt nutzen und eine zweite, größere Anlage auf der restlichen Dachfläche installieren, die komplett einspeist.

Steuerlich gilt: Einnahmen aus PV-Anlagen auf Einfamilienhäusern bis 30 kWp sind in der Regel von der Einkommen- und Gewerbesteuer befreit. Dies gilt sowohl für die Überschuss- als auch für die Volleinspeisung und vereinfacht den Betrieb erheblich. Zudem erleichtern interessante Fördermöglichkeiten für Photovoltaik weiterhin die Investition.

FAQ – Häufige Fragen zur Volleinspeisung

Was genau bedeutet Volleinspeisung?
Volleinspeisung bedeutet, dass 100 % des von Ihrer Photovoltaikanlage erzeugten Stroms in das öffentliche Stromnetz eingespeist und vergütet werden. Sie erhalten dafür eine feste, staatlich garantierte Vergütung pro Kilowattstunde über 20 Jahre.

Kann ich später von Volleinspeisung auf Eigenverbrauch wechseln?
Ja, ein Wechsel ist grundsätzlich möglich, aber mit einem gewissen Aufwand und Kosten verbunden. Sie müssen den Wechsel beim Netzbetreiber und im Marktstammdatenregister melden. Zudem ist eine technische Umrüstung am Zählerschrank notwendig. Ein Wechsel ist immer nur zum Beginn eines neuen Kalenderjahres möglich.

Ist die Volleinspeisung auch für kleine Anlagen wie ein Balkonkraftwerk möglich?
Theoretisch ja, wirtschaftlich ist es jedoch nicht sinnvoll. Ein Balkonkraftwerk ist darauf ausgelegt, die Grundlast im Haushalt zu decken und so die Stromrechnung zu senken. Die geringe Strommenge würde bei einer Volleinspeisung nur minimale Einnahmen bringen.

Für wen ist die Volleinspeisung die beste Wahl?
Die Volleinspeisung ist ideal für Eigentümer von Immobilien mit:

  • Großen, unverschatteten Dachflächen (z. B. Scheunen, Gewerbehallen, große Einfamilienhäuser).
  • Einem geringen Stromverbrauch während der Sonnenstunden (z. B. Berufspendler, Ferienimmobilien, bestimmte Gewerbebetriebe).
  • Dem Wunsch, eine rein finanzielle Rendite ohne den Aufwand einer Eigenverbrauchsoptimierung zu erzielen.

Fazit: Eine Nischenlösung für strategische Rechner

Die Volleinspeisung ist kein Auslaufmodell, sondern hat sich für bestimmte Anwendungsfälle zu einer attraktiven Nischenlösung entwickelt. Während der Eigenverbrauch für die meisten Haushalte der Königsweg bleibt, sollten Eigentümer großer Dächer mit geringem Tagesverbrauch die Volleinspeisung neu durchrechnen.

Die Kombination aus einer höheren Einspeisevergütung, dem Wegfall der Kosten für einen Stromspeicher und der Möglichkeit, die Dachfläche maximal auszunutzen, kann zu einer höheren Gesamtrendite führen. Der Schlüssel zur richtigen Entscheidung liegt somit in einer sorgfältigen Analyse Ihres Verbrauchsprofils und der Gegebenheiten vor Ort.

Weitere praxisnahe Informationen zur Auswahl der richtigen Komponenten und zur Planung Ihrer Anlage finden Sie direkt auf Photovoltaik.info.

Ratgeber teilen
OLEKSANDR PUSHKAR
OLEKSANDR PUSHKAR