Mieterstrom skalieren: So gelingt die Erweiterung auf Nachbargebäude

Ein Mieterstromprojekt auf dem Dach eines Mehrfamilienhauses läuft bereits erfolgreich. Die Mieter profitieren von günstigem Solarstrom, die Immobilie gewinnt an Attraktivität. Da liegt die Frage nahe: Warum nicht auch die Nachbargebäude versorgen und ein ganzes Quartier mit sauberer Energie beliefern? Diese Vision ist vielversprechend, doch der Weg dorthin ist mit rechtlichen und technischen Hürden verbunden. Dieser Artikel beleuchtet die Herausforderungen bei der Skalierung von Mieterstromprojekten und zeigt, wie Sie diese meistern.

Die Vision: Vom Einzelgebäude zum solaren Quartier

Die Erweiterung eines Mieterstrommodells auf mehrere Gebäude, oft als Quartiersversorgung bezeichnet, bietet erhebliche Vorteile. Werden Erzeugung und Verbrauch über mehrere Liegenschaften hinweg intelligent gekoppelt, steigt die Eigenverbrauchsquote des erzeugten Solarstroms deutlich. Während eine Anlage auf einem Einzelgebäude oft nur eine Eigenverbrauchsquote von 30–40 % erreicht, lassen sich in einem Quartiersverbund Werte von über 60 % erreichen.

Das entlastet nicht nur das öffentliche Stromnetz, sondern macht das gesamte Projekt auch wirtschaftlicher. Für die Bewohner entsteht so ein gemeinschaftliches Energieerlebnis mit stabilen, planbaren Stromkosten – ein starkes Argument in Zeiten steigender Energiepreise.

Rechtliche Hürden: Der Weg durch den Paragrafendschungel

Die größte Herausforderung bei der Erweiterung liegt im rechtlichen Rahmen. Das klassische Mieterstrommodell ist auf ein einzelnes Gebäude oder ein zusammenhängendes Areal beschränkt und stößt bei der Versorgung von Nachbargebäuden schnell an seine Grenzen.

Die Grenzen des klassischen Mieterstromgesetzes (MSG)

Das Mieterstromgesetz wurde geschaffen, um die Stromversorgung innerhalb eines Wohngebäudes zu fördern. Es setzt einen „unmittelbaren räumlichen Zusammenhang“ zwischen der PV-Anlage und den Verbrauchern voraus. Sobald der Strom eine öffentliche Straße überqueren muss, um zum Nachbarhaus zu gelangen, gilt dies in der Regel als Nutzung des öffentlichen Netzes. Damit greift das klassische Mieterstrommodell nicht mehr, und der Betreiber wird rechtlich zu einem Energieversorger – mit allen dazugehörigen Pflichten.

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Die Lösung: Versorgung ohne öffentliches Netz (Kundenanlage)

Der Schlüssel zur legalen Quartiersversorgung liegt darin, die Nutzung des öffentlichen Netzes zu vermeiden. Möglich wird dies durch die Errichtung eines eigenen Leitungsnetzes zwischen den Gebäuden. Rechtlich spricht man hier von einer „Kundenanlage“ gemäß Energiewirtschaftsgesetz (EnWG). Innerhalb dieser Kundenanlage können Sie den erzeugten Solarstrom an alle angeschlossenen Parteien verteilen, ohne dass Netzentgelte, Umlagen oder Stromsteuer für den intern verbrauchten Strom anfallen.

Praxisbeispiel: Eine Wohnungsbaugesellschaft betreibt eine PV-Anlage auf Haus A. Sie möchte auch das gegenüberliegende Haus B versorgen, das durch eine öffentliche Straße getrennt ist. Statt den Strom ins öffentliche Netz einzuspeisen und in Haus B wieder zu entnehmen, verlegt sie eine Direktleitung, zum Beispiel durch einen Leerrohrtunnel, unter der Straße hindurch. Beide Häuser werden so Teil einer einzigen Kundenanlage.

EEG 2023: Ein wichtiger Schritt nach vorn

Eine wesentliche Erleichterung brachte das EEG 2023. Die Novelle stellt klar, dass die Lieferung von Solarstrom über Grundstücksgrenzen hinweg zulässig ist, solange dafür keine Leitungen des öffentlichen Netzes genutzt werden. Diese Klarstellung gibt Betreibern von Quartiersprojekten mehr Rechtssicherheit und fördert die Entwicklung von Arealnetzen.

Technische Herausforderungen bei der Quartiersversorgung

Neben dem rechtlichen Rahmen sind auch technische Hürden zu überwinden. Ein Quartiersnetz ist deutlich komplexer als eine Anlage für ein einzelnes Gebäude.

Die physische Verbindung: Leitungen und Netzanschluss

Die Errichtung einer direkten Kabelverbindung zwischen Gebäuden ist oft der aufwendigste Teil. Dazu sind Grabungsarbeiten, Genehmigungen für die Nutzung öffentlichen Grundes und eine fachgerechte Verlegung der Leitungen nötig. Die Erfahrung zeigt, dass die Abstimmung mit der Kommune und dem lokalen Netzbetreiber hier entscheidend ist. Der Netzbetreiber muss dem Konzept zustimmen, da die gesamte Kundenanlage weiterhin über einen zentralen Netzverknüpfungspunkt mit dem öffentlichen Netz verbunden bleibt.

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Komplexe Messkonzepte: Wer verbraucht was?

In einem Quartiersprojekt müssen Stromflüsse exakt gemessen und abgerechnet werden: Wer hat wann wie viel Solarstrom verbraucht und wie viel Reststrom aus dem Netz bezogen? Hierfür braucht es intelligente Messkonzepte.

Das gängigste Modell ist das Summenzählermodell. Ein Hauptzähler misst am Netzverknüpfungspunkt den gesamten Strom, der aus dem öffentlichen Netz bezogen oder dorthin eingespeist wird. In den einzelnen Wohnungen und Gebäuden erfassen untergeordnete Zähler (Smart Meter) den individuellen Verbrauch. Eine zentrale Steuereinheit verrechnet diese Daten und ermittelt daraus für jeden Teilnehmer den Anteil an Solar- und Netzstrom. Auswahl und Installation dieser Messtechnik setzen spezialisiertes Fachwissen voraus.

Systemintegration: Speicher, Ladesäulen und Steuerung

Ein modernes Quartier verbraucht nicht nur Strom, es wird zunehmend auch zum Speicher und zur Ladestation. Die Integration von zentralen Energiespeichern und Ladeinfrastruktur für E-Mobilität ist ein logischer nächster Schritt, der die Komplexität jedoch weiter erhöht. Ein intelligentes Energiemanagementsystem (EMS) wird dann unerlässlich. Es muss Lastspitzen steuern, den Ladezustand des Speichers optimieren und die Ladevorgänge von Elektroautos so regeln, dass der Eigenverbrauch maximiert und das Netz stabilisiert wird.

Anwendungssituation: An einem sonnigen Nachmittag ist der Batteriespeicher voll geladen, und die PV-Anlage produziert weiterhin überschüssigen Strom. Das EMS gibt daraufhin ein Signal an die angeschlossenen Ladesäulen, die Ladeleistung für die geparkten E-Autos zu erhöhen und den günstigen Solarstrom direkt vor Ort zu nutzen.

Wirtschaftliche Aspekte: Lohnt sich die Skalierung?

Die Erweiterung eines Mieterstromprojekts ist mit höheren Anfangsinvestitionen verbunden. Kosten für Planung, rechtliche Beratung, Tiefbau und komplexe Messtechnik müssen einkalkuliert werden. Zudem ist zu klären, ob und in welcher Form der Mieterstromzuschlag im gewählten Modell zur Anwendung kommt.

Dennoch ist die Skalierung langfristig oft sehr wirtschaftlich. Durch die deutlich höhere Eigenverbrauchsquote sinkt der teure Strombezug aus dem öffentlichen Netz für das gesamte Quartier. Zudem entstehen durch die zentrale Verwaltung und Wartung mehrerer Anlagen Synergieeffekte. Nicht zuletzt steigert ein zukunftsfähiges und nachhaltiges Energiekonzept den Wert und die Attraktivität der beteiligten Immobilien. Viele Betreiber berichten, dass die Amortisationszeit eines Quartierprojekts trotz höherer Investitionen oft kürzer ist als bei mehreren unverbundenen Einzelanlagen.

FAQ – Häufige Fragen zur Skalierung von Mieterstrom

Muss ich für die Erweiterung eine neue Gesellschaft gründen?

Das hängt vom gewählten Modell ab. Bei einer einfachen Erweiterung über eine Kundenanlage ist dies meist nicht nötig. Planen Sie jedoch ein komplexeres Modell wie eine Energiegemeinschaft, kann die Gründung einer Betreibergesellschaft (z. B. eine GbR oder GmbH) sinnvoll sein.

Was passiert, wenn ein Mieter den Strom nicht beziehen möchte?

Wie beim klassischen Mieterstrom besteht auch im Quartiersmodell keine Abnahmepflicht. Jeder Mieter kann seinen Stromanbieter frei wählen. Die technische Auslegung des Messkonzepts muss dies berücksichtigen und eine separate Belieferung durch einen Drittanbieter ermöglichen.

Wer ist für die Wartung der Leitungen zwischen den Gebäuden verantwortlich?

Der Betreiber der Kundenanlage ist für die Instandhaltung und Sicherheit des privat errichteten Netzes verantwortlich. Dies sollte in den Verträgen klar geregelt werden.

Wie lange dauert die Genehmigung durch den Netzbetreiber?

Die Abstimmung und Genehmigung eines Quartierskonzepts ist komplexer als bei einer Standardanlage. Planen Sie hierfür ausreichend Zeit ein; je nach Auslastung und Prozessen des Netzbetreibers kann dieser Prozess zwischen sechs und zwölf Monaten dauern.

Fazit und nächste Schritte

Die Skalierung von Mieterstromprojekten auf ganze Quartiere ist der logische nächste Schritt der dezentralen Energiewende. Sie ist rechtlich anspruchsvoll und technisch komplex, aber mit der richtigen Planung machbar und wirtschaftlich lohnend. Der Schlüssel zum Erfolg liegt in der sorgfältigen Konzeption als Kundenanlage, um die Hürden des öffentlichen Netzes zu umgehen, sowie in einem intelligenten Mess- und Steuerungssystem.

Die rechtlichen Rahmenbedingungen, insbesondere durch das EEG 2023, haben den Weg für solche Projekte geebnet. Mit einem erfahrenen Partner an Ihrer Seite können Sie die Vision eines solaren Quartiers erfolgreich in die Realität umsetzen. Eine sorgfältige Planung ist dafür die wichtigste Voraussetzung.

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OLEKSANDR PUSHKAR
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