Preisaufschlag für bifaziale Module: Wann lohnen sich die Mehrkosten?

Stellen Sie sich vor, Ihre Solaranlage würde nicht nur das direkte Sonnenlicht von oben nutzen, sondern auch das reflektierte Licht vom Boden. Genau das ermöglichen bifaziale, also zweiseitig aktive Solarmodule. Während sie für klassische Dachanlagen oft nur einen geringen Vorteil bieten, entfalten sie ihr volles Potenzial bei speziellen Anwendungen wie Solarzäunen, Fassadenanlagen oder in der Agri-Photovoltaik. Doch rechtfertigt der zusätzliche Stromertrag den höheren Anschaffungspreis? Dieser Beitrag zeigt, wann sich die Investition in bifaziale Module wirklich lohnt.

Was sind bifaziale Solarmodule und wie funktionieren sie?

Ein herkömmliches Solarmodul hat eine aktive Vorderseite und eine passive, lichtundurchlässige Rückseite. Bifaziale Module hingegen sind so konstruiert, dass sie Licht von beiden Seiten in Strom umwandeln können. Möglich wird dies durch eine transparente Rückseite, meist aus Glas (Glas-Glas-Module) oder einem speziellen transparenten Kunststoff.

Entscheidend für den Mehrertrag ist die sogenannte Albedo. Dieser Wert beschreibt das Rückstrahlvermögen einer Oberfläche. So reflektiert eine helle, schneebedeckte Fläche deutlich mehr Licht als dunkler Erdboden. Dieses reflektierte, diffuse Licht trifft auf die Rückseite des Moduls und erzeugt zusätzlichen Strom.

Typische Albedo-Werte im Vergleich:

  • Neuschnee: 80–90 %
  • Heller Beton oder Kies: 30–50 %
  • Wiese oder Ackerland: 10–25 %
  • Asphalt: 5–10 %

Standort und Untergrund bestimmen maßgeblich, wie hoch der Ertrag der Modulrückseite ausfällt.

Der Mehrertrag in der Praxis: Ein Blick auf die Zahlen

Der zusätzliche Stromertrag durch die Rückseite, auch „bifazialer Gewinn“ genannt, ist keine feste Größe. Branchenanalysen und Studien, etwa vom Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme ISE, zeigen eine große Bandbreite. Je nach Montageart, Höhe, Neigung und Untergrund kann der Mehrertrag zwischen 5 % und 25 % im Vergleich zu einem monofazialen Modul gleicher Leistung betragen.

Dem gegenüber steht ein moderater Preisaufschlag. Bifaziale Module sind in der Regel etwa 10–20 % teurer als ihre einseitigen Pendants. Die Wirtschaftlichkeit hängt also von einer einfachen Frage ab: Übersteigt der prozentuale Mehrertrag den prozentualen Preisaufschlag? Für die folgenden Anwendungsfälle lautet die Antwort häufig: Ja.

Anwendungsfälle, bei denen sich bifaziale Module wirklich lohnen

Während der Vorteil auf einem dicht belegten Ziegeldach gering ausfällt, spielen bifaziale Module in drei Szenarien ihre Stärken voll aus.

1. Fassaden-Photovoltaik: Die senkrechte Stromerzeugung

Bei Modulen, die senkrecht an einer Fassade montiert sind, ist der Abstand zum Boden naturgemäß groß und die Rückseite gut belichtet. Besonders im Winter, wenn die Sonne tief steht und der Boden eventuell mit Schnee bedeckt ist, kann die Rückseite einen erheblichen Beitrag zum Ertrag leisten.

Praxisbeispiel: Ein Bürogebäude mit einer Glasfassade im Süden wird mit bifazialen Modulen ausgestattet. Der helle Vorplatz aus Beton reflektiert das Sonnenlicht auf die Modulrückseiten. Im Winter, wenn der Stromertrag klassischer Dachanlagen durch den flachen Sonnenwinkel sinkt, produziert die Fassadenanlage überproportional viel Strom. Dieser Effekt kann den Mehrertrag auf bis zu 15 % steigern und die Wirtschaftlichkeit des gesamten Projekts sichern.

2. Agri-Photovoltaik (Agri-PV): Energie und Ernte im Einklang

Bei der Agri-PV werden Solarmodule hoch über landwirtschaftlichen Flächen aufgeständert, um eine Doppelnutzung von Ackerland zu ermöglichen. Diese Bauweise ist ideal für bifaziale Module.

Praxisbeispiel: Ein Landwirt installiert eine Agri-PV-Anlage über einem Kartoffelfeld. Die Module sind in mehreren Metern Höhe mit großem Abstand zueinander montiert, sodass genügend Licht für die Pflanzen und den Boden hindurchfällt. Der helle, trockene Ackerboden reflektiert das Licht auf die Unterseite der Module. Hier lassen sich Mehrerträge von bis zu 25 % erzielen, wodurch sich die hohen Anfangsinvestitionen für die Unterkonstruktion schneller amortisieren.

3. Solarzäune: Mehr als nur eine Abgrenzung

Ein Solarzaun ist eine der effektivsten Anwendungen für bifaziale Technologie. Die senkrecht aufgestellten Module können von beiden Seiten Sonnenlicht empfangen – morgens von Osten und nachmittags von Westen.

Praxisbeispiel: Ein Eigenheimbesitzer ersetzt seinen Gartenzaun durch einen Solarzaun aus bifazialen Modulen. Die Ostseite des Zauns produziert morgens Strom, die Westseite am späten Nachmittag. Das sorgt für eine gleichmäßigere Stromproduktion über den Tag und erhöht den Eigenverbrauch. Während ein normaler Zaun nur Kosten verursacht, wird der Solarzaun zur Energiequelle. Hier ist der Einsatz bifazialer Module nicht nur eine Option, sondern die Grundlage des Konzepts. Selbst bei kleineren Projekten, wie einem Balkonkraftwerk für Mieter, sind solche Überlegungen zur optimalen Ausrichtung entscheidend.

Die Wirtschaftlichkeitsrechnung: Eine Faustregel

Für eine schnelle Einschätzung hilft eine einfache Regel:

Wenn der erwartete bifaziale Mehrertrag (in Prozent) höher ist als der prozentuale Preisaufschlag für die Module, ist die Investition in der Regel sinnvoll.

Beispielrechnung:

  • Preis Standard-Modul (380 Wp): 180 €
  • Preis bifaziales Modul (380 Wp): 207 € (15 % Aufpreis)
  • Erwarteter Mehrertrag am Standort (z. B. Solarzaun): 20 %

Ergebnis: Da der Mehrertrag von 20 % den Aufpreis von 15 % übersteigt, lohnt sich die Investition in das bifaziale Modul. Berücksichtigen Sie bei der Planung auch weitere Faktoren wie Installationskosten und die Möglichkeit einer Photovoltaik-Förderung.

FAQ – Häufige Fragen zu bifazialen Solarmodulen

Brauche ich einen speziellen Wechselrichter für bifaziale Module?
Nein, Sie benötigen keinen speziellen Wechselrichter. Allerdings muss er für die potenziell höhere Spitzenleistung ausgelegt sein, die durch den zusätzlichen Ertrag der Rückseite entstehen kann. Eine sorgfältige Auslegung ist hier entscheidend.

Welcher Untergrund ist am besten für den Mehrertrag?
Helle und reflektierende Oberflächen sind ideal. Die Rangfolge von bestem zu schlechtestem Untergrund lautet typischerweise: Neuschnee, weißer Kies, heller Beton, heller Sand, trockenes Gras, feuchte Wiese, dunkle Erde, Asphalt.

Wie stark beeinflusst der Abstand zum Boden den Ertrag?
Der Abstand spielt eine entscheidende Rolle. Je größer der Abstand und je steiler der Neigungswinkel, desto mehr diffuses Licht kann die Rückseite erreichen. Ein Abstand von mindestens einem Meter zum Boden ist empfehlenswert, um einen deutlichen Mehrertrag zu erzielen.

Sind bifaziale Module robuster?
Oftmals ja. Insbesondere Glas-Glas-Module, bei denen Vorder- und Rückseite aus Glas bestehen, sind sehr widerstandsfähig gegen mechanische Belastungen (z. B. Schnee, Wind) und Umwelteinflüsse. Dadurch haben sie oft eine längere Lebensdauer und einen geringeren Leistungsabfall über die Jahre, was den allgemeinen Wirkungsgrad von Solarmodulen positiv beeinflusst.

Fazit: Eine Nischentechnologie auf dem Vormarsch

Bifaziale Solarmodule sind keine Universallösung für jedes Dach, sondern eine hochinteressante Spezialtechnologie. Für Standard-Aufdachanlagen ist der Mehrpreis oft nicht gerechtfertigt. Bei Projekten, bei denen die Rückseite der Module bewusst dem Licht ausgesetzt wird – wie bei Fassaden, Agri-PV-Anlagen und Solarzäunen – sind sie jedoch eine wirtschaftlich überlegene Alternative.

Die Entscheidung für oder gegen bifaziale Module ist letztlich eine standortspezifische Abwägung. Die Praxis zeigt jedoch, dass bei innovativen Projekten abseits des klassischen Schrägdachs das Potenzial dieser Technologie oft unterschätzt wird. Sie ermöglicht nicht nur höhere Erträge, sondern erschließt völlig neue Flächen für die solare Stromerzeugung.

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OLEKSANDR PUSHKAR
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