Blindleistung bei PV-Anlagen: Einblicke in die Anforderungen des Netzbetreibers

Sie haben sich für eine Photovoltaikanlage entschieden, um sauberen Strom zu erzeugen und Ihre Energiekosten zu senken. Doch wussten Sie, dass Ihre Anlage weit mehr kann, als nur Ihren Haushalt zu versorgen? Moderne PV-Anlagen sind aktive Teilnehmer am öffentlichen Stromnetz und tragen maßgeblich zu dessen Stabilität bei. Eine Schlüsselrolle spielt dabei die sogenannte Blindleistung – ein technisches Detail, das für Laien oft unbemerkt bleibt, aber für eine sichere Energieversorgung unerlässlich ist. Dieser Artikel erklärt Ihnen verständlich, was es damit auf sich hat und warum Ihr Netzbetreiber bestimmte Einstellungen an Ihrem Wechselrichter fordert.

Was ist Blindleistung und warum ist sie wichtig?

Um die Rolle der Blindleistung zu verstehen, hilft ein einfacher Vergleich. Stellen Sie sich ein Glas Bier vor:

  • Wirkleistung (kW): Das ist das eigentliche Bier, das Sie trinken können. In der Elektrotechnik ist dies die Leistung, die tatsächlich Arbeit verrichtet – also Ihre Lampen zum Leuchten bringt oder Ihren Kühlschrank kühlt.

  • Blindleistung (kVar): Das ist die Schaumkrone. Sie können sie nicht trinken, aber sie gehört zum Bier dazu und füllt das Glas. Blindleistung ist Energie, die im Netz hin- und herpendelt, um magnetische und elektrische Felder aufzubauen. Diese Felder sind für den Betrieb vieler elektrischer Geräte (z. B. Motoren, Transformatoren) notwendig.

  • Scheinleistung (kVA): Das ist der gesamte Inhalt des Glases – Bier plus Schaum. Sie ist die Summe aus Wirk- und Blindleistung.

Das Stromnetz benötigt ein ausgewogenes Verhältnis von Wirk- und Blindleistung, um die Spannung stabil zu halten. Zu viel oder zu wenig Blindleistung kann zu Spannungsschwankungen führen, die empfindliche Geräte beschädigen oder im Extremfall sogar Stromausfälle verursachen können.

Die Rolle von PV-Anlagen bei der Netzstabilisierung

Früher wurde Blindleistung hauptsächlich von Großkraftwerken in das Netz eingespeist. Das hat sich mit dem rasanten Zuwachs dezentraler Erzeuger wie Photovoltaikanlagen geändert. Damit das Netz auch an sonnigen Tagen mit hoher Solarstromeinspeisung stabil bleibt, müssen moderne PV-Anlagen diese Aufgabe mitübernehmen.

Die dezentrale Bereitstellung von Blindleistung durch Tausende von PV-Anlagen ist zudem wesentlich effizienter als die Steuerung durch wenige zentrale Kraftwerke. Ihr Herzstück, der Wechselrichter, wird so vom reinen Stromumwandler zum intelligenten Netzmanager.

Die Q(U)-Regelung: Eine Anforderung Ihres Netzbetreibers

Wenn Sie eine PV-Anlage installieren, legt Ihr lokaler Netzbetreiber technische Anschlussregeln (TAR) wie die VDE-AR-N 4105 fest. Eine zentrale Forderung ist dabei oft die sogenannte Q(U)-Regelung. Das Kürzel steht für die spannungsabhängige Blindleistungsregelung:

  • Q ist das Formelzeichen für die Blindleistung.

  • U ist das Formelzeichen für die Spannung.

Die Regelung sorgt dafür, dass der Wechselrichter automatisch die Spannung im lokalen Netzabschnitt stabilisiert:

  • Bei zu hoher Spannung: Wenn an einem sonnigen Mittag viele PV-Anlagen Strom einspeisen, kann die lokale Netzspannung ansteigen. Der Wechselrichter erkennt dies und bezieht Blindleistung aus dem Netz (induktives Verhalten). Dadurch wird die Spannung aktiv gesenkt.

  • Bei zu niedriger Spannung: In Zeiten hoher Last (z. B. abends) kann die Spannung fallen. Der Wechselrichter speist dann Blindleistung ein (kapazitives Verhalten), um die Spannung anzuheben.

Diese dynamische Anpassung geschieht vollautomatisch und ist entscheidend für ein robustes und zukunftsfähiges Stromnetz.

Grafik, die das Prinzip der Q(U)-Regelung mit einer Kennlinie darstellt – Spannung auf der x-Achse, Blindleistung auf der y-Achse

Die genauen Werte und Kennlinien für diese Regelung gibt der Netzbetreiber vor; Ihr Installateur stellt sie bei der Inbetriebnahme des Wechselrichters ein. Als Anlagenbetreiber müssen Sie sich darum nicht kümmern.

Anker Solix Solarbank 3 E2700

Aus unserem Shop, Kategorie: Balkonkraftwerke mit Speicher

Anker Solix Solarbank 3 E2700

Wirkt sich die Blindleistung auf meinen Solarertrag aus?

Dies ist eine häufige und berechtigte Frage. Die kurze Antwort lautet: Ja, aber nur minimal.

Der Wechselrichter hat eine maximale Scheinleistung (in kVA). Wenn er einen Teil seiner Kapazität für die Bereitstellung von Blindleistung nutzen muss, steht entsprechend weniger für die Umwandlung in nutzbare Wirkleistung zur Verfügung.

Ein konkretes Beispiel:
Stellen Sie sich einen 10-kVA-Wechselrichter vor. Ohne Blindleistungsbereitstellung könnte er theoretisch 10 kW Wirkleistung erzeugen. Fordert der Netzbetreiber einen Leistungsfaktor (cos φ) von 0,95, bedeutet das, dass der Wechselrichter 95 % seiner Kapazität für die Wirkleistung und den Rest für die Blindleistung aufwendet. Die maximale Wirkleistung sinkt also auf 9,5 kW.

Ist dieser Verlust in der Praxis relevant?
In den meisten Fällen kaum. Die Vorschriften der VDE-AR-N 4105 begrenzen den Leistungsfaktor auf minimal 0,90. Dieser Extremfall tritt jedoch nur selten auf, meist für kurze Zeit bei voller Sonneneinstrahlung und gleichzeitig hoher Netzspannung. Über das gesamte Jahr betrachtet, liegt der Ertragsverlust durch die Blindleistungsbereitstellung erfahrungsgemäß bei weniger als 1 %. Bei einer 10-kWp-Anlage, die jährlich 10.000 kWh erzeugt, entspricht das etwa 100 kWh oder einem Gegenwert von nur wenigen Euro.

Dieser minimale „Verlust“ ist in Wahrheit ein wichtiger Beitrag zur Allgemeinheit, da er die Stabilität des Netzes sichert, von dem wir alle profitieren. Wenn Sie Ihre PV-Anlage planen, ist dieser Effekt bereits in den gängigen Ertragsprognosen berücksichtigt.

Foto eines modernen Wechselrichters, idealerweise mit einem Display, das Leistungsdaten anzeigt

Häufig gestellte Fragen (FAQ) zur Blindleistung

Muss ich die Blindleistung selbst einstellen?
Nein, die Konfiguration der Blindleistungsregelung ist Aufgabe des zertifizierten Installateurs. Er stellt den Wechselrichter gemäß den Vorgaben Ihres Netzbetreibers bei der Inbetriebnahme ein.

Was genau ist der Leistungsfaktor (cos φ)?
Der Leistungsfaktor (Cosinus Phi) beschreibt das Verhältnis von Wirkleistung zu Scheinleistung. Ein Wert von 1,0 bedeutet, dass die gesamte Leistung als Wirkleistung übertragen wird. Ein Wert von 0,95 bedeutet, dass 95 % Wirkleistung und ein gewisser Anteil Blindleistung vorhanden sind. Je niedriger der Wert, desto höher der Blindleistungsanteil.

Kostet mich die Bereitstellung von Blindleistung direkt Geld?
Nein, für die Bereitstellung von Blindleistung fallen keine direkten Kosten oder Gebühren an. Die einzigen „Kosten“ entstehen indirekt durch die bereits erwähnte, sehr geringe Reduzierung des maximalen Wirkleistungsertrags.

Gilt die Pflicht zur Blindleistungsregelung auch für Balkonkraftwerke?
In der Regel nicht. Die Anforderungen der VDE-AR-N 4105 gelten üblicherweise erst für Anlagen mit einer Leistung von über 600 VA, also für die meisten Dachanlagen. Für Balkonkraftwerke gelten vereinfachte Anmelderegeln ohne diese speziellen Anforderungen. Die genauen Bestimmungen können sich jedoch ändern, weshalb ein Blick in die aktuellen Vorschriften sinnvoll ist.

Kann ich die Blindleistungsregelung abschalten, um meinen Ertrag zu maximieren?
Nein. Die Einhaltung der technischen Anschlussregeln des Netzbetreibers ist eine Voraussetzung für die Genehmigung und den Betrieb Ihrer PV-Anlage. Ein Abschalten der Funktion ist nicht zulässig und würde die Netzstabilität gefährden.

Fazit: Ein kleiner Beitrag mit großer Wirkung

Die Bereitstellung von Blindleistung ist ein hervorragendes Beispiel dafür, wie Ihre private Photovoltaikanlage zu einem intelligenten und unverzichtbaren Baustein der modernen Energieinfrastruktur wird. Auch wenn das Thema technisch klingt, ist die Umsetzung für Sie als Betreiber unkompliziert. Der minimale Einfluss auf Ihren Solarertrag wird durch den enormen Nutzen für ein stabiles und sicheres Stromnetz mehr als aufgewogen.

Sie leisten damit einen aktiven Beitrag zur Energiewende, der weit über die reine Erzeugung von sauberem Strom hinausgeht.

Sie möchten mehr über die Komponenten einer PV-Anlage erfahren? Im Shop von Photovoltaik.info finden Sie Komplettsets, deren Wechselrichter bereits alle modernen Netzanforderungen erfüllen und optimal aufeinander abgestimmt sind.

Wechselrichter in einem technischen Installationsumfeld

Ratgeber teilen
Patrick Thoma
Patrick Thoma

Patrick Thoma ist Gründer von Mehrklicks.de und JVGLABS.com.
Er entwickelt Systeme für KI-Sichtbarkeit und semantische Architektur – mit Fokus auf Marken, die in ChatGPT, Perplexity und Google SGE sichtbar bleiben wollen.

Mehr über ihn und die Arbeit:
Über Patrick Thoma | Mehrklicks – KI-Sichtbarkeit | Unsere Leistungen