Volleinspeisung vs. Eigenverbrauch: Ein Wirtschaftlichkeitsvergleich für Dächer mit optimaler Südausrichtung

Die meisten zukünftigen Betreiber einer Photovoltaikanlage verfolgen ein klares Ziel: den erzeugten Strom selbst zu verbrauchen und so die eigene Stromrechnung zu senken. Dieses Modell des Eigenverbrauchs hat sich in den letzten Jahren als Standard etabliert. Doch was, wenn es unter bestimmten Umständen rentabler wäre, den gesamten Solarstrom direkt ins Netz einzuspeisen? Gerade bei großen, optimal nach Süden ausgerichteten Dächern kann die sogenannte Volleinspeisung eine überraschend attraktive Alternative sein. Dieser Beitrag stellt beide Modelle gegenüber und zeigt, wann sich dieser Weg für Sie lohnen kann.

Die Grundlagen: Zwei Modelle, eine Anlage

Um die richtige Entscheidung zu treffen, sollten Sie die Funktionsweise beider Konzepte verstehen. Im Kern geht es darum, was mit dem auf Ihrem Dach erzeugten Solarstrom passiert.

Modell 1: Eigenverbrauch mit Überschusseinspeisung

Dies ist das heute gängigste Modell. Der von Ihrer Anlage produzierte Strom versorgt zunächst direkt Ihren Haushalt – also Lampen, Kühlschrank, Waschmaschine und andere Geräte. Nur der Strom, den Sie im Augenblick nicht benötigen, fließt ins öffentliche Netz. Für diesen Überschuss erhalten Sie eine staatlich garantierte Vergütung.

  • Praxisbeispiel: An einem sonnigen Nachmittag erzeugt Ihre Anlage 4 Kilowatt (kW) Strom. Ihr Haushalt verbraucht gerade aber nur 1 kW. Die übrigen 3 kW werden ins Netz eingespeist und vergütet.

Modell 2: Volleinspeisung

Bei der Volleinspeisung nutzen Sie Ihren Solarstrom nicht selbst. Stattdessen wird die gesamte erzeugte Energiemenge direkt in das öffentliche Stromnetz geleitet. Im Gegenzug erhalten Sie für jede einzelne Kilowattstunde (kWh) eine festgelegte, höhere Vergütung als bei der Überschusseinspeisung. Ihren eigenen Strombedarf decken Sie vollständig über Ihren Energieversorger.

  • Praxisbeispiel: Ihre Anlage erzeugt 4 kW Strom. Diese 4 kW fließen vollständig ins Netz. Für jede dieser Kilowattstunden erhalten Sie die höhere Volleinspeisevergütung. Gleichzeitig beziehen Sie die 1 kW, die Ihr Haushalt benötigt, wie gewohnt aus dem Netz.

Der Wandel der Anreize: Warum Eigenverbrauch zum Standard wurde

Noch vor 15 Jahren war die Volleinspeisung die Regel. Der Grund dafür waren die extrem hohen Einspeisevergütungen des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG). Anfang der 2000er Jahre erhielten Anlagenbetreiber über 50 Cent pro eingespeister Kilowattstunde. Gleichzeitig kostete die Kilowattstunde vom Energieversorger nur rund 15 bis 20 Cent. Es war also wirtschaftlich deutlich sinnvoller, den gesamten Strom zu verkaufen, anstatt ihn selbst zu nutzen.

Inzwischen haben sich die Anreize jedoch umgekehrt. Die Einspeisevergütung ist kontinuierlich gesunken, während die Strompreise für Endverbraucher stark gestiegen sind. Heute kostet eine Kilowattstunde aus dem Netz oft 35 bis 40 Cent, während die Vergütung für die Überschusseinspeisung nur noch bei rund 8 Cent liegt. Jede selbst verbrauchte Kilowattstunde spart Ihnen somit rund 30 Cent, weshalb der Eigenverbrauch für die meisten Haushalte heute das finanziell attraktivste Modell ist.

Die Rechnung neu aufmachen: Wann ist Volleinspeisung heute wieder attraktiv?

Mit dem EEG 2023 hat die Bundesregierung die Volleinspeisung wieder attraktiver gemacht und einen deutlich höheren Vergütungssatz für entsprechende Anlagen eingeführt, um den Ausbau der Photovoltaik zu beschleunigen.

Das entscheidende Kriterium: Maximale Stromerzeugung

Die Volleinspeisung rechnet sich vor allem dann, wenn Sie deutlich mehr Strom erzeugen, als Sie selbst verbrauchen können. Das ist typischerweise bei großen, unverschatteten Dachflächen mit optimaler Südausrichtung der Fall. Sie ermöglichen den maximalen Ertrag, insbesondere in den sonnenreichen Mittagsstunden.

Ein konkretes Rechenbeispiel

Stellen wir die beiden Modelle für eine typische Familiensituation mit einem großen, ideal ausgerichteten Dach gegenüber.

Annahmen:

  • Anlagengröße: 15 Kilowatt-Peak (kWp)
  • Jährliche Stromerzeugung: 15.000 kWh
  • Jährlicher Stromverbrauch der Familie: 4.500 kWh
  • Aktueller Strompreis: 40 Cent/kWh
  • Vergütung für Überschusseinspeisung (für Anlagenteil bis 10 kWp): 8,1 Cent/kWh
  • Vergütung für Volleinspeisung (für Anlagenteil bis 10 kWp): 12,9 Cent/kWh (Hinweis: Die Vergütungssätze können variieren und werden für Anlagenteile gestaffelt.)

Szenario 1: Eigenverbrauch mit Überschusseinspeisung

  • Typische Eigenverbrauchsquote ohne Speicher: ca. 30 %
  • Selbst verbrauchter Strom: 30 % von 4.500 kWh = 1.350 kWh
  • Stromkostenersparnis: 1.350 kWh * 40 Cent/kWh = 540 €
  • Eingespeister Überschuss: 15.000 kWh – 1.350 kWh = 13.650 kWh
  • Einnahmen durch Einspeisung: 13.650 kWh * 8,1 Cent/kWh = 1.105,65 €
  • Gesamter finanzieller Vorteil: 540 € + 1.105,65 € = 1.645,65 € pro Jahr

Szenario 2: Volleinspeisung

  • Gesamte eingespeiste Strommenge: 15.000 kWh
  • Einnahmen durch Einspeisung: 15.000 kWh * 12,9 Cent/kWh = 1.935 € pro Jahr
  • Eine Stromkostenersparnis gibt es in diesem Szenario nicht, da der gesamte Bedarf zugekauft wird. Der finanzielle Vorteil besteht ausschließlich aus den Einnahmen.

Ergebnis: In diesem Beispiel ist die Volleinspeisung um fast 300 € pro Jahr rentabler als der Eigenverbrauch. Je größer die Anlage und der relative Erzeugungsüberschuss, desto deutlicher kann dieser Vorteil ausfallen.

Faktoren, die Ihre Entscheidung beeinflussen

Die reine Berechnung ist jedoch nur ein Aspekt. Auch weitere Faktoren sollten Sie in Ihre Entscheidung einbeziehen.

Anlagengröße und Dachpotenzial

Die Grundvoraussetzung für eine rentable Volleinspeisung ist eine möglichst große Anlage. Die Erfahrung zeigt, dass sich das Modell vor allem für Anlagen ab 10 kWp lohnt, die eine Jahresproduktion weit über dem eigenen Verbrauch ermöglichen. Wenn Sie eine solche Anlage planen, finden Sie auf Photovoltaik.info wertvolle Tipps, wie Sie Ihre Photovoltaikanlage planen (https://www.photovoltaik.info/photovoltaikanlage-planen), um das Potenzial Ihres Daches voll auszuschöpfen.

Ihr persönliches Stromverbrauchsprofil

Wie und wann verbrauchen Sie Strom? Ein Haushalt mit Homeoffice und Elektroauto hat einen deutlich höheren Eigenverbrauch am Tag als einer, in dem tagsüber niemand zu Hause ist. Ein hoher Tagesverbrauch macht das Eigenverbrauchsmodell deutlich attraktiver, da mehr teurer Netzstrom ersetzt wird.

Zukünftige Entwicklungen: Strompreise und E-Mobilität

Experten gehen von weiter steigenden Strompreisen aus. Jede Erhöhung macht die selbst verbrauchte Kilowattstunde wertvoller und begünstigt somit das Eigenverbrauchsmodell. Planen Sie zudem die Anschaffung eines E-Autos oder einer Wärmepumpe, steigt Ihr Eigenverbrauchspotenzial sprunghaft an, wodurch die Volleinspeisung langfristig an Attraktivität verliert.

Die Wahl des richtigen Speichers

Ein Stromspeicher (https://www.photovoltaik.info/stromspeicher) verändert die Kalkulation fundamental. Er ermöglicht es Ihnen, den tagsüber erzeugten Überschussstrom für die Abend- und Nachtstunden zu speichern und so Ihre Eigenverbrauchsquote auf 60 bis 80 % zu steigern. Dadurch wird das Eigenverbrauchsmodell in fast allen Fällen zur wirtschaftlicheren Wahl. Eine Volleinspeiseanlage wird hingegen niemals mit einem Speicher kombiniert, da dies technisch und wirtschaftlich keinen Sinn ergibt.

Tabelle: Vor- und Nachteile im direkten Vergleich

Hauptziel

  • Volleinspeisung: Maximale Einnahmen durch Stromverkauf
  • Eigenverbrauch mit Überschusseinspeisung: Maximale Reduzierung der Stromrechnung

Vergütung

  • Volleinspeisung: Höherer, fester Satz für jede erzeugte kWh
  • Eigenverbrauch mit Überschusseinspeisung: Niedrigerer Satz nur für den überschüssigen Strom

Technische Komplexität

  • Volleinspeisung: Geringer (einfachere Installation)
  • Eigenverbrauch mit Überschusseinspeisung: Geringfügig höher (Einbindung in den Hausstromkreis)

Abhängigkeit vom Strompreis

  • Volleinspeisung: Gering (feste Vergütung)
  • Eigenverbrauch mit Überschusseinspeisung: Hoch (steigende Preise erhöhen die Ersparnis)

Zukunftsfähigkeit

  • Volleinspeisung: Geringer, da nicht auf steigende Strompreise reagiert wird
  • Eigenverbrauch mit Überschusseinspeisung: Hoch, bietet Schutz vor steigenden Energiekosten

Ideal für…

  • Volleinspeisung: Große Dächer mit optimaler Ausrichtung, geringer Eigenverbrauch
  • Eigenverbrauch mit Überschusseinspeisung: Die meisten Einfamilienhäuser, insbesondere mit Speicher

Häufig gestellte Fragen (FAQ)

Kann ich das Modell später wechseln?

Ja, das EEG erlaubt einen Wechsel zwischen den Modellen. Sie können beispielsweise von der Volleinspeisung zum Eigenverbrauch wechseln. Dies muss jedoch dem Netzbetreiber gemeldet werden und ist in der Regel nur zum Beginn eines neuen Kalenderjahres möglich.

Ist die Entscheidung für ein Modell endgültig?

Nein. Die Wahl für die Volleinspeisung gilt zunächst für das Jahr der Inbetriebnahme und das darauffolgende Kalenderjahr. Danach können Sie jährlich neu entscheiden. Das gibt Ihnen Flexibilität, falls sich Ihr Verbrauchsverhalten ändert.

Wie werden die Einnahmen versteuert?

Sowohl Einnahmen aus der Volleinspeisung als auch aus der Überschusseinspeisung gelten als Einkünfte und müssen in der Regel versteuert werden. Seit 2023 gibt es jedoch großzügige Steuererleichterungen für kleinere Anlagen auf Wohngebäuden. Informieren Sie sich hierzu über die aktuelle Gesetzeslage oder fragen Sie Ihren Steuerberater.

Lohnt sich die Volleinspeisung auch für kleinere Dächer?

In den allermeisten Fällen nicht. Bei kleineren Anlagen (z. B. 5-8 kWp) ist der finanzielle Vorteil durch die Einsparung teuren Netzstroms fast immer größer als die Mehreinnahmen durch die höhere Einspeisevergütung. Hier ist der Eigenverbrauch erfahrungsgemäß die klar bessere Wahl. Informationen zu finanziellen Anreizen finden Sie auch in unserem Beitrag zur Photovoltaik Förderung (https://www.photovoltaik.info/photovoltaik-foerderung).

Fazit: Eine individuelle Entscheidung für maximale Rendite

Die pauschale Aussage, dass Eigenverbrauch immer die beste Lösung ist, gilt nicht mehr uneingeschränkt. Für Betreiber großer Dächer mit idealer Südausrichtung und einem vergleichsweise geringen Eigenverbrauch hat die Volleinspeisung wieder an Attraktivität gewonnen und kann sich als die profitablere Option erweisen.

Die Entscheidung ist jedoch höchst individuell und hängt von der Größe Ihrer Anlage, Ihrem aktuellen und zukünftigen Stromverbrauch sowie Ihrer Einschätzung der Strompreisentwicklung ab. Eine sorgfältige Abwägung und Berechnung beider Szenarien ist daher unerlässlich, um die für Sie wirtschaftlichste Lösung zu finden.

Sie möchten Ihre individuelle Situation besser einschätzen oder suchen nach passenden Komponenten für Ihr Projekt? Im Shop von Photovoltaik.info finden Sie Komplettsets, die auf typische Anlagengrößen abgestimmt sind, sowie alle notwendigen Einzelteile für Ihr Vorhaben.

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OLEKSANDR PUSHKAR
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