Der Trennungsabstand ’s‘: Sicherer Blitzschutz für Ihre PV-Anlage nach VDE-Norm

Eine moderne Photovoltaikanlage auf dem Dach ist für viele Hausbesitzer ein Symbol für Unabhängigkeit und nachhaltige Energiegewinnung. Doch bei aller Freude über sauberen Strom darf ein entscheidender Sicherheitsaspekt nicht übersehen werden: der Schutz vor Blitzeinschlägen. Wenn ein Gebäude bereits über ein äußeres Blitzschutzsystem verfügt, kommt es auf die korrekte Integration der PV-Anlage an. Hier kommt der sogenannte Trennungsabstand ’s‘ ins Spiel – eine auf den ersten Blick technische Größe, die im Ernstfall über die Sicherheit Ihrer gesamten Anlage und des Gebäudes entscheidet.
Dieser Beitrag erklärt, was sich hinter dem Trennungsabstand verbirgt, wie er nach der geltenden Norm VDE 0185-305-3 berechnet wird und warum eine sorgfältige Planung durch einen Fachmann unerlässlich ist. Ein fundierter Blitzschutz für Photovoltaikanlagen ist kein Luxus, sondern eine Notwendigkeit.
Warum ein Sicherheitsabstand entscheidend ist: Die Gefahr des Lichtbogens
Ein Blitz ist eine gewaltige Naturentladung mit Strömen von bis zu 200.000 Ampere. Ein äußeres Blitzschutzsystem, bestehend aus Fangeinrichtungen (z. B. Blitzableitern), Ableitungen und einer Erdungsanlage, leitet diesen Strom sicher in das Erdreich.
Das Problem entsteht, wenn die metallischen Teile Ihrer PV-Anlage zu nahe an den Leitungen des Blitzschutzsystems liegen. Bei einem direkten Einschlag kann die immense elektrische Spannung die Luft zwischen dem Blitzableiter und Ihrem Solarmodul-Gestell überwinden. Es kommt zu einem unkontrollierten Überschlag: Ein Teil des Blitzstroms springt als sogenannter Lichtbogen auf Ihre PV-Anlage über.
Die Folgen können verheerend sein:
- Zerstörung von Komponenten: Wechselrichter, Solarmodule und Verkabelung können irreparabel beschädigt werden.
- Brandgefahr: Die enorme Hitze des Lichtbogens kann Dämmmaterialien oder andere brennbare Teile des Daches entzünden.
- Gefahr für Personen: Der Blitzstrom kann sich über die elektrischen Leitungen im gesamten Gebäude ausbreiten und stellt eine Lebensgefahr dar.
Der Trennungsabstand ’s‘ ist genau jener Mindestabstand, der diesen gefährlichen Überschlag sicher verhindert.

Die VDE-Norm als Grundlage: Berechnung des Trennungsabstands ’s‘
Die genauen Anforderungen an den Trennungsabstand sind in der Norm VDE 0185-305-3 festgelegt. Sie liefert eine klare Formel, mit der sich der notwendige Sicherheitsabstand für jede individuelle Situation berechnen lässt. Die Berechnung selbst sollte zwar eine Fachkraft durchführen, doch ein grundlegendes Verständnis der Formel hilft, die Wichtigkeit der einzelnen Faktoren zu erkennen.
Die Berechnungsformel lautet: s = kᵢ _ (kₑ / kₘ) _ l
Auf den ersten Blick wirkt sie komplex, doch sie folgt einer klaren Logik. Sehen wir uns die einzelnen Bestandteile genauer an.
Die Formel im Detail: Die vier entscheidenden Faktoren
Jeder Faktor in der Formel steht für eine Größe, die das Risiko eines Überschlags beeinflusst.
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Nicht jedes Gebäude benötigt den gleichen Schutz. Ein Krankenhaus oder ein Rechenzentrum benötigt einen höheren Schutz als ein normales Wohnhaus. Die Norm definiert vier Blitzschutzklassen (LPS – Lightning Protection System):
- Klasse I: Höchster Schutz (z. B. für explosionsgefährdete Anlagen) – kᵢ = 0,08
- Klasse II: Hoher Schutz (z. B. für Krankenhäuser, große öffentliche Gebäude) – kᵢ = 0,06
- Klasse III: Standard-Schutz (z. B. für Wohnhäuser, Bürogebäude) – kᵢ = 0,04
- Klasse IV: Geringerer Schutz (für Objekte mit geringem Risiko) – kᵢ = 0,04
Die Erfahrung zeigt, dass für die meisten Einfamilienhäuser die Blitzschutzklasse III gewählt wird. Meist liegt der Wert für kᵢ also bei 0,04.
2. Faktor kₑ – Die Stromverteilung
Ein Blitzstrom, der auf eine Fangeinrichtung trifft, verteilt sich auf die vorhandenen Ableitungen, die an der Fassade nach unten führen. Je mehr Wege dem Strom zur Verfügung stehen, desto geringer ist die Stromstärke in jeder einzelnen Leitung. Dies reduziert die Gefahr eines Überschlags und verringert den notwendigen Abstand.
- Bei nur einer Ableitung (sehr selten): kₑ = 1
- Bei zwei Ableitungen: kₑ = 0,66
- Bei vier Ableitungen (typisch für viele Wohnhäuser): kₑ = 0,44
3. Faktor kₘ – Das Material dazwischen
Der Faktor kₘ beschreibt das Isolationsvermögen des Materials zwischen dem Blitzschutzsystem und der PV-Anlage.
- Luft: kₘ = 1
- Fester Baustoff (z. B. Beton, Ziegel): kₘ = 0,5
In der Praxis wird fast immer mit Luft (kₘ = 1) gerechnet, um auf der sicheren Seite zu sein.
4. Faktor l – Der entscheidende Längenfaktor
Dies ist der variabelste und oft am schwierigsten zu bestimmende Wert. Der Faktor l beschreibt die Länge des Weges in Metern, den der Blitzstrom entlang der Fangeinrichtung und der Ableitung zurücklegen muss – vom Punkt der größten Annäherung an die PV-Anlage bis zum nächstgelegenen Punkt des Potentialausgleichs (in der Regel der Erdungspunkt).
Stellen Sie es sich so vor: Je länger der Weg ist, auf dem der Blitzstrom parallel zur PV-Anlage fließt, desto größer ist das Potenzial für eine Spannungsdifferenz und damit für einen Überschlag.

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9.999,00 €Rechenbeispiel aus der Praxis: Trennungsabstand für ein Einfamilienhaus
Um die Theorie greifbarer zu machen, berechnen wir den Trennungsabstand für ein typisches Szenario.
-
Annahmen:
- Gebäude: Standard-Einfamilienhaus
- Blitzschutzklasse (LPS): Klasse III (kᵢ = 0,04)
- Anzahl Ableitungen: 4 (kₑ = 0,44)
- Trennmaterial: Luft (kₘ = 1)
- Länge l: 15 Meter (angenommener Weg vom Dachfirst entlang der Ableitung bis zum Erdungspunkt im Keller)
-
Berechnung:s = 0,04 _ (0,44 / 1) _ 15 m
s = 0,0176 * 15 m
s = 0,264 m oder 26,4 cm -
Ergebnis: In diesem Beispiel muss jeder Teil der PV-Anlage – von den Montagegestellen bis zu den Modulen – einen Mindestabstand von 26,4 cm zu allen Komponenten des Blitzschutzsystems einhalten. In der Praxis ergeben sich, je nach Gebäudegeometrie und Anlagenkonfiguration, oft Werte zwischen 30 und 80 cm.
Was tun, wenn der Abstand ’s‘ nicht eingehalten werden kann?
Auf vielen Dächern ist es aufgrund von Gauben, Schornsteinen oder einer ungünstigen Dachaufteilung schlicht nicht möglich, den berechneten Trennungsabstand ’s‘ überall einzuhalten. Die VDE-Norm sieht für diesen Fall eine sichere Alternative vor: die direkte, leitende Verbindung.
Dabei wird die metallische Unterkonstruktion der PV-Anlage an mehreren Punkten gezielt und fachgerecht mit dem Blitzschutzsystem verbunden. Die PV-Anlage wird so zu einem integralen Bestandteil des Blitzschutzkonzepts. Der Blitzstrom wird im Falle eines Einschlags kontrolliert über das Montagesystem mitabgeleitet.

Diese Methode hat jedoch eine wichtige Konsequenz: Da ein Teil des Blitzstroms nun durch die PV-Anlage fließt, ist ein leistungsfähiger innerer Überspannungsschutz für die PV-Anlage zwingend erforderlich. Dafür werden sogenannte Typ-1-Ableiter (Kombiableiter) eingesetzt, die direkt nach dem Hauseintritt der DC-Kabel installiert werden. Sie schützen den Wechselrichter und die gesamte Hauselektronik vor den gewaltigen Überspannungen.
FAQ – Häufige Fragen zum Trennungsabstand
Muss jede PV-Anlage einen Trennungsabstand haben?
Nein. Der Trennungsabstand ist nur relevant, wenn ein äußeres Blitzschutzsystem (Blitzableiter auf dem Dach) vorhanden ist oder neu installiert wird. Viele Gebäude haben keinen äußeren Blitzschutz. Ob ein solcher Schutz notwendig ist, zeigt eine Risikoanalyse gemäß VDE 0185-305-2.
Wer ist für die korrekte Berechnung verantwortlich?
Die Berechnung und Planung des Trennungsabstands ist Aufgabe einer zertifizierten Blitzschutz-Fachkraft oder eines spezialisierten Elektroplaners. Sie tragen die Verantwortung für die korrekte Auslegung und die Sicherheit des Gesamtsystems.
Kann ich den Abstand selbst messen und festlegen?
Davon ist dringend abzuraten. Die Bestimmung des Längenfaktors l und die korrekte Anwendung der Norm setzen Fachwissen und Erfahrung voraus. Fehler in der Planung können im Schadensfall zu Haftungsproblemen und dem Verlust des Versicherungsschutzes führen.
Was ist teurer: Trennungsabstand einhalten oder direkt verbinden?
Das lässt sich nicht pauschal beantworten. Manchmal erfordert die Einhaltung des Abstands spezielle, teurere Halterungen für die PV-Anlage. Die direkte Verbindung wiederum erfordert die Installation von hochwertigen Typ-1-Überspannungsschutzgeräten, die ebenfalls Kosten verursachen. Eine professionelle Planung wägt beide Optionen gegeneinander ab.
Fazit: Planung ist der beste Schutz
Der Trennungsabstand ’s‘ ist weit mehr als nur eine technische Vorschrift. Er ist ein zentrales Element für die Betriebssicherheit Ihrer Photovoltaikanlage und den Schutz Ihres Eigentums. Die Entscheidung, ob der Abstand eingehalten wird oder eine direkte Verbindung die bessere Lösung ist, muss auf einer fundierten, fachmännischen Analyse beruhen.
Sprechen Sie Ihren Installateur oder Planer daher frühzeitig auf das Thema Blitzschutz an. Eine von Beginn an durchdachte Integration ist immer einfacher und kostengünstiger als eine nachträgliche Korrektur. So stellen Sie sicher, dass Ihre Anlage nicht nur saubere Energie liefert, sondern auch bei jedem Gewitter sicher und geschützt ist.
Weitere praxisnahe Informationen zur Auswahl der richtigen Komponenten und zur sicheren Planung Ihrer Anlage finden Sie direkt auf Photovoltaik.info.



