Technische Planung für Mieterstrom: Zählerkonzepte und Lastmanagement

Stellen Sie sich vor, das Dach Ihres Mehrfamilienhauses wird zu einem Kraftwerk, das sauberen und günstigen Strom direkt für die Bewohner produziert. Mieterstrommodelle machen diese Vision zur Realität. Während die Vorteile auf der Hand liegen, steckt der Schlüssel zum Erfolg in einer durchdachten technischen Planung. Schon ein kleines Balkonkraftwerk kann laut Studien der HTW Berlin bis zu 15 % des Strombedarfs eines einzelnen Haushalts decken. Eine Dachanlage für ein ganzes Gebäude hat ein weitaus größeres Potenzial, bringt aber auch technische Herausforderungen mit sich: Wie wird der Strom gemessen, gerecht verteilt und optimal genutzt?

Dieser Leitfaden führt Sie durch die zentralen technischen Aspekte von Mieterstromprojekten – von den Zählerkonzepten bis zum intelligenten Lastmanagement. Für einen grundlegenden Überblick über die rechtlichen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen empfehlen wir unseren Beitrag zum Thema Photovoltaik im Mehrfamilienhaus.

Die Herausforderung: Solarstrom für viele statt für einen

Bei einer Photovoltaikanlage für ein Einfamilienhaus ist die Sache klar: ein Erzeuger, ein Verbraucher. In einem Mehrfamilienhaus entsteht hingegen eine Eigenverbrauchsgemeinschaft. Der auf dem Dach erzeugte Solarstrom soll direkt an die verschiedenen Mietparteien, die Wärmepumpe im Keller oder die Ladesäulen in der Tiefgarage fließen. Oberstes Ziel ist es, den Eigenverbrauch zu optimieren, denn selbst genutzter Solarstrom ist deutlich günstiger als Strom aus dem öffentlichen Netz.

Daraus ergeben sich drei technische Kernfragen, die vorab zu klären sind:

  1. Messung: Wie wird präzise erfasst, wie viel Solarstrom erzeugt und von welcher Partei verbraucht wird?
  2. Verteilung: Wie wird der verfügbare Solarstrom fair auf alle Teilnehmer aufgeteilt, insbesondere wenn die Nachfrage die Erzeugung übersteigt?
  3. Steuerung: Wie lässt sich der Verbrauch aktiv so steuern, dass möglichst viel des günstigen Solarstroms vor Ort genutzt wird?

Die Antworten auf diese Fragen liegen in der Wahl des richtigen Zählerkonzepts und dem Einsatz eines intelligenten Managementsystems.

Zählerkonzepte im Mieterstrom: Das Herz der Anlage

Das Zählerkonzept ist das technische Fundament für eine korrekte und transparente Abrechnung des Mieterstroms. Es legt fest, wie die Stromflüsse zwischen der PV-Anlage, den einzelnen Mietern und dem öffentlichen Netz gemessen werden. Grundsätzlich haben sich zwei Modelle etabliert.

Das Summenzählermodell (Zähler am Netzverknüpfungspunkt)

Beim Summenzählermodell wird die gesamte Liegenschaft als eine Einheit betrachtet. Ein zentraler Summenzähler am Netzanschlusspunkt misst, wie viel Strom insgesamt aus dem Netz bezogen oder eingespeist wird. Jede Mietpartei erhält zusätzlich einen eigenen, ungeeichten Unterzähler (Hutschienenzähler), der ihren individuellen Gesamtverbrauch erfasst.

Funktionsweise: Die Abrechnung erfolgt rechnerisch, indem die Summe des Verbrauchs aller Mieter mit der Solarstromerzeugung abgeglichen wird. Die Differenz entspricht dem Wert, den der Summenzähler anzeigt.

  • Vorteile: Dieses Modell ist transparent und wird von den meisten Netzbetreibern bevorzugt. Es ermöglicht den Mietern, für den Reststrombezug – also den Strom, der nicht von der PV-Anlage gedeckt wird – einen eigenen Stromanbieter zu wählen.
  • Nachteile: Die Installation kann in Bestandsgebäuden aufwendiger sein, da eine zentrale Zählerverteilung erforderlich ist.

Praxisbeispiel: Ein Mehrfamilienhaus mit 10 Parteien erzeugt an einem Sonntagnachmittag 8 kWh Solarstrom. Die Bewohner verbrauchen im selben Zeitraum 6 kWh. Der Summenzähler misst eine Netzeinspeisung von 2 kWh. Die internen Zähler erfassen, wer wie viel verbraucht hat, und liefern damit die Grundlage, um jeder Partei ihren Anteil am günstigen Solarstrom korrekt zuzuordnen.

Anker Solix Solarbank 3 E2700

Aus unserem Shop, Kategorie: Balkonkraftwerke mit Speicher

Anker Solix Solarbank 3 E2700

999,00 

Die Kaskadenschaltung (Messkonzept in Reihe)

Bei der Kaskadenschaltung werden die Zähler buchstäblich in Reihe geschaltet. Der Hauptzähler des Netzbetreibers misst den Gesamtbezug des Gebäudes. Dahinter wird ein weiterer Zähler für die Erzeugung der PV-Anlage installiert, dem die Zähler der einzelnen Mieter nachgeschaltet sind.

Funktionsweise: Der Verbrauch jedes Mieters wird durch seinen eigenen Zähler erfasst. Der Solarstromanteil wird rechnerisch ermittelt, indem die PV-Erzeugung von der Summe der Verbräuche abgezogen wird.

  • Vorteile: Die Installation ist in bestehenden Gebäuden oft einfacher und kostengünstiger, da sie weniger Eingriffe in die vorhandene Elektroinstallation erfordert.
  • Nachteile: Die Abrechnung ist komplexer und wird nicht von allen Netzbetreibern akzeptiert. Oft sind die Mieter für den Reststrombezug an den Betreiber der Mieterstromanlage gebunden.

Welches Modell ist das richtige? Die Erfahrung zeigt, dass sich für Neubauten und größere Sanierungen meist das Summenzählermodell durchsetzt. Bei Bestandsgebäuden mit dezentralen Zählern kann die Kaskadenschaltung eine pragmatische Alternative sein. Eine frühzeitige Abstimmung mit dem lokalen Netzbetreiber ist in jedem Fall unerlässlich.

Intelligentes Lastmanagement: Den Eigenverbrauch maximieren

Eine PV-Anlage erzeugt den meisten Strom zur Mittagszeit – eine Phase, in der in Wohngebäuden oft wenig Energie verbraucht wird. Ohne eine intelligente Steuerung würde ein Großteil des wertvollen Solarstroms für eine geringe Vergütung ins Netz eingespeist. Genau hier kommt das Energiemanagementsystem (EMS) ins Spiel.

Das EMS ist das Gehirn der Anlage: Es überwacht in Echtzeit die Stromerzeugung und den Verbrauch aller angeschlossenen Parteien und Geräte.

Die Hauptaufgaben eines EMS im Mieterstrommodell sind:

  1. Monitoring: Das System visualisiert alle Energieflüsse und schafft die Datengrundlage für die Verbrauchsabrechnung.
  2. Steuerung großer Verbraucher: Wenn ein Solarstromüberschuss anfällt, aktiviert das EMS gezielt große Verbraucher wie Wärmepumpen, Heizstäbe für Warmwasserspeicher oder E-Ladesäulen.
  3. Priorisierung und Lastverteilung: Gerade im Mehrfamilienhaus ist eine gerechte Verteilung entscheidend. Das EMS steuert beispielsweise die Ladeleistung von mehreren E-Autos so, dass das Hausnetz nicht überlastet und der verfügbare Solarstrom fair aufgeteilt wird – etwa nach dem „Wer zuerst kommt, lädt zuerst“-Prinzip oder nach voreingestellten Prioritäten.

Praxisbeispiel: In einem Wohnhaus gibt es drei E-Autos und eine Wärmepumpe. An einem sonnigen Tag erkennt das EMS einen hohen Solarstromüberschuss. Es leitet die Energie zuerst an die Wärmepumpe, um den Warmwasserspeicher aufzuheizen. Ist dieser voll, gibt das System die Ladesäulen frei und passt die Ladeleistung dynamisch an die aktuelle Sonneneinstrahlung an. Auf diese Weise wird der teure Netzbezug minimiert.

Die Erfahrung aus vielen Projekten zeigt, dass ein intelligentes Lastmanagement den Eigenverbrauchsanteil in Mehrfamilienhäusern von unter 40 % auf über 70 % steigern kann, insbesondere in Kombination mit einem Stromspeicher.

FAQ – Häufige technische Fragen zum Mieterstrom

Wer ist für die Installation und Wartung der Zähler zuständig?
Die Verantwortung liegt in der Regel beim Anlagenbetreiber (meist dem Gebäudeeigentümer) in enger Abstimmung mit dem Messstellenbetreiber und dem Netzbetreiber. Moderne Messkonzepte erfordern oft Smart Meter, deren Einbau vom grundzuständigen Messstellenbetreiber koordiniert wird.

Was passiert bei einem Stromausfall? Funktioniert der Solarstrom dann noch?
Standard-PV-Anlagen schalten sich bei einem Netzausfall aus Sicherheitsgründen ab (Inselnetzerkennung). Eine Not- oder Ersatzstromversorgung ist möglich, erfordert aber einen speziell dafür ausgelegten Wechselrichter und meist einen Batteriespeicher.

Müssen alle Mieter am Mieterstrommodell teilnehmen?
Nein, die Teilnahme ist für Mieter immer freiwillig. Mieter, die nicht teilnehmen möchten, beziehen ihren Strom weiterhin von einem externen Anbieter ihrer Wahl. Das technische Konzept muss diese Wahlfreiheit sicherstellen.

Welche Rolle spielt der Netzbetreiber bei der Planung?
Eine entscheidende. Jedes Zählerkonzept muss vor der Umsetzung vom zuständigen Netzbetreiber geprüft und genehmigt werden. Eine frühzeitige Kontaktaufnahme und Einreichung eines Messkonzepts ist daher ein entscheidender Schritt in der Planungsphase.

Kann ein Batteriespeicher integriert werden?
Ja, die Integration eines zentralen Batteriespeichers ist sehr sinnvoll. Er speichert überschüssigen Solarstrom vom Tag und stellt ihn abends und nachts zur Verfügung. Dies erhöht den Eigenverbrauch und die Wirtschaftlichkeit des gesamten Systems erheblich. Das EMS steuert auch das Be- und Entladen des Speichers.

Fazit: Eine sorgfältige Planung ist der Schlüssel zum Erfolg

Die Umsetzung eines Mieterstromprojekts ist technisch anspruchsvoller als die Installation einer Anlage auf einem Einfamilienhaus. Die Wahl des passenden Zählerkonzepts und ein leistungsfähiges Energiemanagementsystem sind die entscheidenden Säulen für ein funktionierendes und wirtschaftliches System.

Eine detaillierte Planung, die den Netzbetreiber frühzeitig einbezieht, verhindert spätere Komplikationen und sorgt dafür, dass sowohl Sie als Betreiber als auch Ihre Mieter langfristig von sauberem und preiswertem Strom vom eigenen Dach profitieren.

Sie möchten Ihre individuelle Situation besser einschätzen? Nehmen Sie gern Kontakt mit unseren Experten auf, die Sie bei der technischen Konzeption unterstützen.

Im Shop von Photovoltaik.info finden Sie zudem Komplettsets und Komponenten, die auf die typischen Anforderungen von Mehrfamilienhäusern abgestimmt sind.

Ratgeber teilen
OLEKSANDR PUSHKAR
OLEKSANDR PUSHKAR