Standort-Duell: Lohnt sich eine 10-kWp-Anlage in Freiburg genauso wie auf Sylt?

Stellen Sie sich zwei baugleiche Einfamilienhäuser mit identischen Dächern vor. Das eine steht in Freiburg im Breisgau, der Sonnenhauptstadt Deutschlands. Das andere trotzt Wind und Wetter auf der Nordseeinsel Sylt. Beide Familien entscheiden sich für exakt dieselbe 10-kWp-Photovoltaikanlage. Man könnte meinen, die Sache sei klar: Im sonnenverwöhnten Süden muss die Anlage deutlich rentabler sein. Doch stimmt das wirklich?
Dieser Beitrag rechnet das Szenario detailliert durch und zeigt, wie groß die regionalen Unterschiede tatsächlich sind. Sie werden überrascht sein, wie sehr sich eine Photovoltaikanlage selbst an Standorten lohnt, die nicht für ihre vielen Sonnenstunden bekannt sind.
Die Ausgangslage: Zwei Standorte, eine Anlage
Um einen fairen Vergleich zu ermöglichen, legen wir für beide Standorte identische Rahmenbedingungen fest. So können wir den reinen Einfluss der geografischen Lage auf Ertrag und Wirtschaftlichkeit isolieren.
Die Photovoltaikanlage:
- Leistung: 10 Kilowatt-Peak (kWp)
- Ausrichtung: Optimal nach Süden
- Dachneigung: 30 Grad
- Annahmen: Keine Verschattung durch Bäume oder Nachbargebäude
Der Haushalt:
- Typ: 4-Personen-Haushalt
- Jährlicher Stromverbrauch: 4.500 Kilowattstunden (kWh)
- Annahme: Typisches Verbrauchsverhalten mit Lastspitzen am Morgen und Abend
Standort 1: Freiburg – Der Champion im Sonnenschein
Freiburg im Breisgau gilt als eine der sonnenreichsten Städte Deutschlands. Das schlägt sich direkt im potenziellen Ertrag einer Solaranlage nieder.
Der Solarertrag: Wenn die Sonne Überstunden macht
Für Südbaden sind jährliche Globalstrahlungswerte von etwa 1.200 kWh pro Quadratmeter realistisch. Eine moderne 10-kWp-Anlage kann unter diesen idealen Bedingungen hervorragende Ergebnisse erzielen.
- Faustregel: Pro kWp installierter Leistung kann man in dieser Region mit ca. 1.200 kWh Stromerzeugung pro Jahr rechnen.
- Jährlicher Gesamtertrag: 10 kWp x 1.200 kWh/kWp = 12.000 kWh
Dieser Ertrag übersteigt den Jahresverbrauch des Haushalts um mehr als das Zweieinhalbfache. Die Familie deckt so nicht nur ihren Bedarf, sondern wird selbst zum Stromproduzenten.
Die Wirtschaftlichkeitsrechnung für Freiburg
Um die Rentabilität zu berechnen, betrachten wir zwei Faktoren: die Ersparnis durch selbst genutzten Strom (Eigenverbrauch) und die Einnahmen durch die Einspeisung des Überschusses ins öffentliche Netz.
- Eigenverbrauchsanteil: Erfahrungswerte zeigen, dass ein Haushalt dieser Größe ohne weitere Optimierung (z. B. einen Stromspeicher) etwa 30 % des erzeugten Solarstroms direkt selbst verbrauchen kann. Das sind 3.600 kWh von den erzeugten 12.000 kWh.
- Stromkostenersparnis: Bei einem angenommenen Strompreis von 35 Cent/kWh spart die Familie: 3.600 kWh x 0,35 €/kWh = 1.260 € pro Jahr.
- Einspeisung: Die restlichen 8.400 kWh (12.000 – 3.600) werden eingespeist. Bei einer aktuellen Einspeisevergütung von z. B. 8,1 Cent/kWh ergibt das Einnahmen von: 8.400 kWh x 0,081 €/kWh = 680,40 € pro Jahr.
- Gesamtertrag pro Jahr: 1.260 € + 680,40 € = 1.940,40 €
Bei angenommenen Anschaffungskosten für eine 10-kWp-Anlage von rund 16.000 € würde sich die Anlage in Freiburg nach etwa 8,2 Jahren amortisieren.
Standort 2: Sylt – Überraschend starker Ertrag im Norden
Sylt ist bekannt für seine steife Brise und wechselhaftes Wetter. Auf den ersten Blick scheint die Insel kein idealer Standort für Photovoltaik zu sein. Die Rechnung zeigt jedoch ein anderes Bild.
Der Solarertrag: Geringere Strahlung, aber ein kühler Vorteil
Die Globalstrahlung an der Nordseeküste ist mit etwa 1.000 kWh pro Quadratmeter im Jahr geringer als im Süden. Das führt zu einem niedrigeren, aber immer noch sehr beachtlichen Ertrag.
- Faustregel: Pro kWp installierter Leistung kann man hier mit ca. 1.000 kWh Stromerzeugung pro Jahr rechnen.
- Jährlicher Gesamtertrag: 10 kWp x 1.000 kWh/kWp = 10.000 kWh
Ein interessanter Nebeneffekt, den viele nicht kennen: Solarmodule arbeiten bei kühleren Temperaturen effizienter. Die stetige Brise auf Sylt kühlt die Module und kann so an sonnigen Tagen die Leistung leicht steigern und einen Teil der geringeren Sonneneinstrahlung kompensieren.
Die Wirtschaftlichkeitsrechnung für Sylt
Auch hier wenden wir dieselbe Logik an. Da der Strombedarf des Haushalts identisch bleibt, ändert sich die Berechnungsgrundlage allein durch den geringeren Gesamtertrag.
- Eigenverbrauchsanteil: Da die Stromproduktion auch auf Sylt den Tagesbedarf mehr als deckt, gehen wir von einem identischen Eigenverbrauch von 3.600 kWh aus.
- Stromkostenersparnis: Die Ersparnis bleibt identisch: 3.600 kWh x 0,35 €/kWh = 1.260 € pro Jahr.
- Einspeisung: Die eingespeiste Menge ist geringer: 10.000 kWh – 3.600 kWh = 6.400 kWh. Die Einnahmen betragen: 6.400 kWh x 0,081 €/kWh = 518,40 € pro Jahr.
- Gesamtertrag pro Jahr: 1.260 € + 518,40 € = 1.778,40 €
Bei gleichen Anschaffungskosten von 16.000 € amortisiert sich die Anlage auf Sylt nach etwa 9 Jahren.
Das Ergebnis im direkten Vergleich: Ein knapper Sieg für den Süden
Die Zahlen sprechen eine klare Sprache, doch das Ergebnis ist knapper als erwartet.
| Kennzahl | Freiburg (Süden) | Sylt (Norden) |
|---|---|---|
| Jährlicher Solarertrag | ca. 12.000 kWh | ca. 10.000 kWh |
| Jährliche Ersparnis | 1.260 € | 1.260 € |
| Jährliche Einnahmen | 680 € | 518 € |
| Gesamtertrag pro Jahr | 1.940 € | 1.778 € |
| Amortisationszeit | ca. 8,2 Jahre | ca. 9 Jahre |
Fazit: Ja, die Anlage in Freiburg ist rentabler und amortisiert sich schneller. Der Unterschied beträgt jedoch weniger als ein Jahr. Die wichtigste Erkenntnis ist: Eine Photovoltaikanlage ist in ganz Deutschland eine überaus lohnende Investition. Der Mythos, dass sich Solar nur im tiefsten Süden lohnt, ist damit widerlegt.
Unabhängig vom Standort: Warum der Eigenverbrauch der Schlüssel ist
Das Beispiel zeigt eindrucksvoll: Die größte Ersparnis entsteht nicht durch die Einspeisevergütung, sondern durch den selbst verbrauchten Strom. Jede Kilowattstunde, die Sie nicht für 35 Cent zukaufen müssen, ist der eigentliche Gewinn. Daher ist es an jedem Standort entscheidend, den Eigenverbrauch zu optimieren.
Praxisnahe Tipps zur Steigerung des Eigenverbrauchs:
- Verbrauchssteuerung: Lassen Sie energieintensive Geräte wie Waschmaschine oder Geschirrspüler gezielt zur Mittagszeit laufen, wenn die Sonne am stärksten scheint.
- Elektromobilität: Laden Sie Ihr Elektroauto mit dem überschüssigen Strom vom eigenen Dach.
- Stromspeicher: Ein Stromspeicher lagert den tagsüber erzeugten Überschuss ein und stellt ihn abends und nachts zur Verfügung. Das kann den Autarkiegrad auf 60–80 % erhöhen.
Häufig gestellte Fragen (FAQ)
Lohnt sich eine PV-Anlage auch bei mir in Nord- oder Ostdeutschland?
Ja, auf jeden Fall. Wie unser Vergleich zeigt, sind die Erträge auch in weniger sonnenverwöhnten Regionen so hoch, dass sich die Investition innerhalb von rund 10 Jahren rechnet. Danach produzieren Sie für mindestens 15 weitere Jahre nahezu kostenlosen Strom.
Was ist wichtiger: die geografische Lage oder die Ausrichtung des Daches?
Beides spielt eine Rolle, aber ein suboptimal ausgerichtetes Dach (z. B. nach Ost-West) wiegt oft schwerer als ein Standort in Norddeutschland. Eine gute Planung durch einen Fachbetrieb ist hier entscheidend. Die Erfahrung zeigt, dass sich selbst für Dächer mit nicht optimaler Ausrichtung profitable Lösungen finden lassen.
Rechnet sich ein Stromspeicher an beiden Standorten?
Ein Stromspeicher erhöht den Eigenverbrauch und damit die Unabhängigkeit vom Stromnetz. Ob er sich rein finanziell rechnet, hängt stark von den individuellen Verbrauchsgewohnheiten und der Entwicklung der Strompreise ab. Er ist aber an beiden Standorten ein sinnvoller Baustein für mehr Autarkie.
Was passiert an bewölkten Tagen oder im Winter?
Auch bei diffusem Licht, also bei Bewölkung, erzeugt eine Photovoltaikanlage Strom – nur eben weniger als bei direkter Sonneneinstrahlung. Die Jahresertragsprognosen, wie die in unserem Beispiel, kalkulieren die durchschnittliche Anzahl an sonnigen und bewölkten Tagen bereits mit ein.
Sie sehen, die Entscheidung für eine Photovoltaikanlage ist weniger eine Frage des „Ob“, sondern vielmehr des „Wie“. Regionale Unterschiede beeinflussen die Amortisationszeit, stellen die grundsätzliche Rentabilität aber nicht infrage.
Im Shop von Photovoltaik.info finden Sie Komplettsets, die auf typische Anlagengrößen wie die in unserem Beispiel abgestimmt sind. So erhalten Sie einen schnellen Überblick über die benötigten Komponenten und Kosten.



