Photovoltaik für Mehrfamilienhäuser: Ein Kaufratgeber für Eigentümer und WEGs

Deutschlands Dächer bergen ein gewaltiges, ungenutztes Potenzial. Eine aktuelle Studie von EUPD Research zeigt: Von rund 10,7 Millionen Mehrfamilienhäusern wären fast 9 Millionen für die Installation einer Photovoltaikanlage geeignet. Bisher wird diese Chance jedoch kaum genutzt. Für Eigentümer und Wohnungseigentümergemeinschaften (WEGs) ist dies mehr als eine verpasste Gelegenheit – es ist der Verzicht auf niedrigere Energiekosten, höhere Immobilienwerte und eine nachhaltige Einnahmequelle. Dieser Leitfaden zeigt Ihnen, wie Sie dieses Potenzial erschließen und warum der Zeitpunkt dafür nie besser war.
Warum sich Photovoltaik auf dem Mehrfamilienhaus jetzt lohnt
Lange galten PV-Projekte auf Mehrfamilienhäusern als komplex und bürokratisch. Doch die Rahmenbedingungen haben sich grundlegend geändert: Mit dem „Solarpaket I“ hat die Bundesregierung Hürden abgebaut und neue, vereinfachte Modelle wie die Gemeinschaftliche Gebäudeversorgung geschaffen. Gleichzeitig vereinfacht die Reform des Wohnungseigentumsgesetzes (WEG-Gesetz) die Beschlussfassung innerhalb von Eigentümergemeinschaften erheblich.
Für Sie als Eigentümer ergeben sich daraus drei zentrale Vorteile:
- Wirtschaftlichkeit: Sie erzeugen günstigen Strom direkt vor Ort und können ihn an Ihre Bewohner verkaufen. Das schützt vor steigenden Strompreisen und schafft eine neue Einnahmequelle.
- Immobilienwert: Eine Photovoltaikanlage steigert die Attraktivität und den Wert Ihrer Immobilie. Günstige Nebenkosten sind ein starkes Argument bei Vermietung und Verkauf.
- Nachhaltigkeit: Sie leisten einen aktiven Beitrag zum Klimaschutz und positionieren Ihr Gebäude als modern und zukunftsorientiert.
Die wichtigsten Modelle im Überblick: Mieterstrom und Co.
Um den Solarstrom vom Dach an die Bewohner zu bringen, gibt es verschiedene Modelle. Die Wahl des richtigen Modells ist entscheidend für den Erfolg Ihres Projekts.
Das Mieterstrommodell: Strom vom Dach direkt an die Bewohner
Beim klassischen Mieterstrommodell werden Sie als Gebäudeeigentümer oder die WEG zum Stromversorger für die Bewohner des Hauses. Sie produzieren den Strom auf dem Dach und verkaufen ihn direkt an die Mieter oder Miteigentümer – ohne Umweg über das öffentliche Netz.
Der entscheidende Vorteil: Da keine Netzentgelte, Stromsteuer und diverse Umlagen anfallen, ist der Solarstrom vom Dach deutlich günstiger als Strom vom externen Energieversorger. Als Faustregel gilt, dass der Mieterstrompreis mindestens 10 % unter dem lokalen Grundversorgungstarif liegen muss. Die Erfahrung zeigt, dass sich dieses Modell für alle Beteiligten rechnet: Die Bewohner sparen Stromkosten und Sie als Betreiber erzielen eine attraktive Rendite.
Die Gemeinschaftliche Gebäudeversorgung (GGV)
Als stark vereinfachte Alternative zum Mieterstrom wurde mit dem Solarpaket I die Gemeinschaftliche Gebäudeversorgung (GGV) eingeführt. Der bürokratische Aufwand ist hier deutlich geringer, da Sie als Betreiber nicht mehr die vollen Pflichten eines Energieversorgers erfüllen müssen. Der erzeugte Solarstrom wird über einen gemeinsamen Verteilerschlüssel auf die teilnehmenden Parteien aufgeteilt. Für den Reststrombedarf schließt jeder Bewohner weiterhin einen eigenen Vertrag mit einem Versorger seiner Wahl. Dieses Modell eignet sich hervorragend für WEGs, die eine unkomplizierte und faire Lösung suchen.
Volleinspeisung: Der klassische Weg
Die einfachste Variante ist die Volleinspeisung. Hierbei wird der gesamte erzeugte Solarstrom in das öffentliche Netz eingespeist und Sie erhalten dafür die EEG-Vergütung. Dieses Modell erfordert den geringsten administrativen Aufwand, ist aber in der Regel wirtschaftlich weniger attraktiv als die Versorgung der Bewohner im Haus.
Photovoltaik in der Eigentümergemeinschaft (WEG): Was Sie wissen müssen
Für Wohnungseigentümergemeinschaften galten PV-Anlagen lange als schwer umsetzbar, da oft die Einstimmigkeit aller Eigentümer erforderlich war. Durch die Reform des WEG-Gesetzes hat sich das grundlegend geändert: Die Installation einer Photovoltaikanlage zählt nun zu den sogenannten „privilegierten Maßnahmen“.
Das bedeutet für Sie: Für einen Beschluss zur Installation einer PV-Anlage genügt eine einfache Mehrheit der in der Eigentümerversammlung anwesenden und vertretenen Stimmen.
Die Kosten für Anschaffung und Installation werden in der Regel nach Miteigentumsanteilen auf alle Eigentümer verteilt. Wer nicht mitinvestieren möchte, kann von der Nutzung des Solarstroms ausgeschlossen werden. Neben der vereinfachten Beschlussfassung gibt es oft auch attraktive Fördermöglichkeiten. Informieren Sie sich über die aktuelle Photovoltaik Förderung, um das Projekt finanziell optimal zu gestalten.
Planung und Dimensionierung: Wie groß muss die Anlage sein?
Der Schlüssel zum Erfolg liegt in der sorgfältigen Planung. Dabei sollte sich die Größe der Anlage primär am Stromverbrauch im Gebäude orientieren.
Den Strombedarf ermitteln
Im ersten Schritt ermitteln Sie den Gesamtstrombedarf aller teilnehmenden Haushalte. Je mehr Parteien mitmachen, desto höher ist der Eigenverbrauchsanteil und desto rentabler wird die Anlage.
Praxisbeispiel: In einem Mehrfamilienhaus mit 8 Parteien liegt der durchschnittliche Jahresverbrauch pro Haushalt bei 3.500 kWh. Der Gesamtbedarf beträgt also rund 28.000 kWh pro Jahr. Dieser Wert dient als Zielgröße für die Auslegung der PV-Anlage.
Die richtige Anlagengröße finden
Die Leistung einer PV-Anlage wird in Kilowatt-Peak (kWp) angegeben. Als Faustregel gilt: Pro 1.000 kWh Jahresverbrauch benötigt man etwa 1 kWp Anlagenleistung.
Für unser Beispiel mit 28.000 kWh Verbrauch wäre also eine Anlagengröße von rund 28 kWp ideal. Die tatsächlich installierbare Leistung hängt jedoch von der verfügbaren Dachfläche, ihrer Ausrichtung und möglichen Verschattungen ab. Um eine erste Einschätzung für Ihr Dach zu erhalten, können Sie unseren Solarrechner nutzen. Er gibt Ihnen einen guten Anhaltspunkt für die mögliche Anlagengröße und den zu erwartenden Ertrag.
Kosten und Wirtschaftlichkeit: Eine Investition, die sich rechnet
Die Investitionskosten für eine PV-Anlage auf einem Mehrfamilienhaus sind in den letzten Jahren deutlich gesunken.
Typischer Preisrahmen: Für eine 30-kWp-Anlage, wie sie für viele Mehrfamilienhäuser infrage kommt, können Sie mit Investitionskosten von etwa 35.000 bis 45.000 Euro rechnen. Darin sind Module, Wechselrichter, Montagesystem und Installation enthalten.
Die zentrale Frage ist, wann sich die Investition auszahlt. Die Amortisation einer Photovoltaikanlage hängt von vielen Faktoren ab, wie dem Anteil des selbst verbrauchten Stroms, dem Mieterstrompreis und der Höhe der Einspeisevergütung für überschüssigen Strom. Bei gut geplanten Mieterstromprojekten liegt die Amortisationszeit oft zwischen 8 und 12 Jahren – bei einer Anlagenlebensdauer von über 25 Jahren.
Häufig gestellte Fragen (FAQ)
Was passiert, wenn nicht alle Mieter oder Eigentümer mitmachen wollen?
Die Teilnahme an Mieterstrom- oder GGV-Modellen ist immer freiwillig. Wer nicht teilnehmen möchte, behält seinen bisherigen Stromvertrag. Die neuen Regelungen sind so gestaltet, dass auch eine teilweise Teilnahme problemlos umsetzbar ist.
Wer ist für die Wartung und den Betrieb der Anlage zuständig?
Der Betreiber der Anlage – also der Vermieter oder die WEG – ist für den ordnungsgemäßen Betrieb und die Wartung verantwortlich. Viele Installationsbetriebe bieten hierfür kostengünstige Wartungsverträge an, die eine regelmäßige Prüfung und Instandhaltung sicherstellen.
Benötigt jede teilnehmende Wohnung einen neuen Stromzähler?
Ja, für eine genaue Abrechnung ist die Installation von modernen Messeinrichtungen (Smart Metern) nötig. Diese erfassen exakt, wie viel Strom vom Dach und wie viel aus dem öffentlichen Netz bezogen wird.
Was ist, wenn der Solarstrom nicht ausreicht, z. B. nachts oder an bewölkten Tagen?
Die Stromversorgung ist jederzeit lückenlos gewährleistet. Reicht der Solarstrom nicht aus, wird der benötigte Reststrom automatisch und unterbrechungsfrei aus dem öffentlichen Netz bezogen. Die Bewohner bemerken davon nichts.
Fazit: Der Weg zur gemeinsamen Solaranlage
Die Nutzung von Solarenergie auf Mehrfamilienhäusern ist dank verbesserter rechtlicher und wirtschaftlicher Rahmenbedingungen so attraktiv wie nie zuvor. Modelle wie die Gemeinschaftliche Gebäudeversorgung und vereinfachte Beschlüsse in WEGs haben die größten Hürden aus dem Weg geräumt. Für Eigentümer und Eigentümergemeinschaften ist dies die Chance, nicht nur Energiekosten zu senken und den Immobilienwert zu steigern, sondern auch aktiv die Energiewende mitzugestalten. Der erste Schritt dorthin ist eine fundierte Information und eine sorgfältige Planung.
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