Solar Cluster BW: Unterschätzte Strombedarfsprognose und ihre Folgen
Das Solar Cluster Baden-Württemberg, ein Netzwerk von Unternehmen und Forschungseinrichtungen der Solarbranche, hat die Strombedarfsprognosen der Bundesregierung scharf kritisiert. Die Annahmen seien zu niedrig und basierten auf veralteten Daten. Dies gefährde die Versorgungssicherheit und die Klimaziele Deutschlands, da der Ausbau der erneuerbaren Energien auf einer falschen Grundlage geplant werde. Insbesondere die rasant steigende Verbreitung von Wärmepumpen und Elektroautos werde in den Berechnungen massiv unterschätzt.
Bundeswirtschaftsministerium: Unrealistische Annahmen zum Strombedarf
Im Fortschrittsbericht 2023 zur Energiewende geht das Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz (BMWK) von einem Strombedarf zwischen 680 und 750 Terawattstunden (TWh) im Jahr 2030 aus. Bis 2035 wird ein Bedarf von 700 bis 800 TWh prognostiziert. Diese Zahlen stehen jedoch im Widerspruch zu jüngeren Entwicklungen und den Einschätzungen vieler Fachinstitute, die für 2030 eher von 650 bis 710 TWh ausgehen.
Das Solar Cluster bemängelt, dass die Regierung ihre Prognosen teilweise sogar nach unten korrigiert hat, was der realen Entwicklung entgegensteht. „Die Bundesregierung unterschätzt den zukünftigen Strombedarf. Ihre Annahmen sind viel zu optimistisch“, erklärte Jochen Spies, Geschäftsführer des Solar Clusters. Er prognostiziert, dass der Strombedarf bis 2030 auf mindestens 850 bis 1.000 TWh ansteigen wird – eine deutliche Diskrepanz zu den offiziellen Schätzungen.
Wärmepumpen & E-Autos: Rasanter Anstieg des realen Stromverbrauchs
Die Kritik des Verbandes stützt sich auf konkrete Zahlen, die zeigen, wie schnell die Elektrifizierung in den Sektoren Wärme und Verkehr voranschreitet.
Ein zentraler Punkt ist die Nutzung von Wärmepumpen in Gebäuden. Der Fortschrittsbericht des BMWK rechnet für das Jahr 2025 mit einem Stromverbrauch von 10 TWh durch Wärmepumpen. Diese Schätzung basiert jedoch auf Daten aus dem Jahr 2020, als der Verbrauch bei lediglich 5,8 TWh lag. Bereits im Jahr 2022 erreichte der tatsächliche Verbrauch laut Statistischem Bundesamt 8,2 TWh. Die Prognose für 2025 wird somit voraussichtlich deutlich früher erreicht und übertroffen.
Ein ähnliches Bild zeigt sich bei der Elektromobilität. Das Ministerium geht für 2025 von einem Stromverbrauch von 15 TWh für Elektroautos aus. Im Jahr 2022 lag dieser Wert jedoch schon bei 12,5 TWh, nach nur 6,4 TWh im Vorjahr. Die Dynamik in diesem Sektor wird in den offiziellen Plänen offensichtlich nicht ausreichend abgebildet.
Für private Haushalte, die aktiv zur Energiewende beitragen wollen, etwa durch die Installation von PV-Anlagen mit Speicher und Montagesets oder einfacheren Balkonkraftwerken ohne Speicher, ist eine verlässliche und vorausschauende Netzplanung entscheidend.
Strombedarfsprognose zu niedrig: Gefahr für Klimaziele und Versorgungssicherheit
Eine zu niedrig angesetzte Bedarfsprognose hat weitreichende Konsequenzen. Wenn der zukünftige Strombedarf unterschätzt wird, werden auch die Ausbauziele für erneuerbare Energien wie Photovoltaik und Windkraft zu niedrig angesetzt. Dies könnte in den kommenden Jahren zu Stromengpässen führen, die sowohl die Stabilität des Netzes als auch die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft gefährden.
Das Solar Cluster warnt davor, dass die Klimaziele so in weite Ferne rücken. Zwar hält die Bundesregierung formal am Ziel fest, bis 2030 80 Prozent des Stroms aus erneuerbaren Quellen zu beziehen. Wenn jedoch die Bezugsgröße – der Bruttostromverbrauch – künstlich kleingerechnet wird, wird das Ausbauvolumen reduziert und der Anteil fossiler Energien bleibt länger als nötig hoch.
Wissenschaftliche Prognosen gehen langfristig sogar von einer Verdopplung bis Verdreifachung des heutigen Strombedarfs bis 2045 aus. Treiber sind neben Wärme und Verkehr auch die Elektrifizierung der Industrie und neue Großverbraucher wie Rechenzentren.
Das Solar Cluster Baden-Württemberg fordert die Bundesregierung daher dringend auf, ihre Prognosen auf eine realistische und aktuelle Datengrundlage zu stellen. Nur mit einer ehrlichen Einschätzung des zukünftigen Bedarfs kann der Ausbau der erneuerbaren Energien in dem Tempo erfolgen, das für eine sichere, saubere und bezahlbare Energieversorgung notwendig ist.







