Mieterstrom und der Messstellenbetreiber: Wer misst, rechnet und entscheidet?

Ein Mehrfamilienhaus mit einer neuen Photovoltaik-Anlage auf dem Dach: Die Bewohner freuen sich auf günstigen, sauberen Strom direkt vom Erzeuger. Doch hinter den Kulissen entscheidet ein oft übersehener Akteur über den Erfolg des gesamten Projekts: der Messstellenbetreiber. Seine Aufgabe geht weit über das bloße Ablesen eines Zählers hinaus. Er agiert als Datenmanager und stellt sicher, dass jede erzeugte und verbrauchte Kilowattstunde korrekt erfasst und zugeordnet wird. Die Wahl des richtigen Partners für diese Aufgabe kann über die Wirtschaftlichkeit und den reibungslosen Betrieb eines Mieterstrommodells entscheiden.

In diesem Beitrag zeigen wir Ihnen, warum der Messstellenbetreiber eine Schlüsselrolle in Ihrem Quartier oder Mehrfamilienhaus spielt, welche Pflichten er hat und wie Sie durch eine kluge Auswahl Kosten sparen und den administrativen Aufwand minimieren.

Was ist ein Messstellenbetreiber und warum ist er bei Mieterstrom so wichtig?

In jedem Gebäude, das an das öffentliche Stromnetz angeschlossen ist, gibt es einen Verantwortlichen für Einbau, Betrieb und Wartung der Stromzähler. Diese Aufgabe übernimmt der Messstellenbetreiber (MSB). Lange Zeit war dies ausschließlich der örtliche Netzbetreiber, auch grundzuständiger Messstellenbetreiber (gMSB) genannt. Seit der Liberalisierung des Messwesens durch das Messstellenbetriebsgesetz (MsbG) können Verbraucher und Anlagenbetreiber aber auch einen unabhängigen, wettbewerblichen Messstellenbetreiber (wMSB) beauftragen.

Bei Mieterstrommodellen wird die Sache komplexer. Hier wird Strom auf dem Dach erzeugt und direkt an die Mieter im selben Gebäude verkauft. Nur der überschüssige Strom wird ins Netz eingespeist, und bei Bedarf wird zusätzlicher Strom aus dem Netz bezogen. Dieses System erfordert eine präzise Messung an mehreren Punkten:

  1. Erzeugung: Wie viel Strom produziert die PV-Anlage insgesamt?
  2. Verbrauch der Mieter: Wie viel Solarstrom verbraucht jeder einzelne Mieter?
  3. Netzbezug: Wie viel Reststrom zieht jeder Mieter aus dem öffentlichen Netz?
  4. Netzeinspeisung: Wie viel überschüssiger Solarstrom wird ins Netz eingespeist?

Der Messstellenbetreiber ist dafür verantwortlich, dieses komplexe Geflecht aus Energieflüssen exakt zu erfassen. Ohne eine genaue, viertelstundengenaue Messung wäre eine faire und gesetzeskonforme Abrechnung unmöglich. Er stellt die technische Infrastruktur bereit und legt damit die Grundlage für die gesamte Mieterstrom-Abrechnung.

Ein Praxisbeispiel: Das Quartier mit 20 Parteien

Stellen Sie sich ein Mehrfamilienhaus mit 20 Wohnungen vor. Auf dem Dach ist eine 50-kWp-Anlage installiert. An einem sonnigen Nachmittag erzeugt die Anlage 30 kW Strom, während die Mieter im Haus zusammen 15 kW verbrauchen. Der Messstellenbetreiber muss nun über seine Zähler erfassen, welchen Anteil jeder Mieter an diesen 15 kW verbraucht hat. Die restlichen 15 kW werden ins Netz eingespeist – auch dies wird exakt gemessen. Nachts, wenn die PV-Anlage keinen Strom liefert, erfasst das Messsystem, wie viel Strom jede Partei aus dem öffentlichen Netz bezieht. Am Ende des Monats fließen all diese Datenpunkte in die korrekte Abrechnung für die 20 Parteien ein.

Die Technik im Hintergrund: Moderne und intelligente Messsysteme

Für die komplexen Anforderungen des Mieterstroms reichen alte Ferraris-Zähler nicht aus. Das Messstellenbetriebsgesetz schreibt daher den schrittweisen Einbau moderner Messeinrichtungen (mME) und intelligenter Messsysteme (iMSys) vor.

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Moderne Messeinrichtung (mME)

Eine moderne Messeinrichtung ist ein digitaler Stromzähler. Er zeigt zwar den aktuellen Stromverbrauch sowie historische Tages-, Wochen- und Monatswerte direkt am Display an, kann jedoch nicht fernausgelesen werden. Für einfache Mieterstromprojekte, bei denen nur der Gesamtverbrauch erfasst werden muss, mag er ausreichen, ist aber meist nicht die optimale Lösung.

Intelligentes Messsystem (iMSys)

Ein intelligentes Messsystem – oft als „Smart Meter“ bezeichnet – ist die Schlüsseltechnologie für professionellen Mieterstrom. Es besteht aus zwei Komponenten:

  1. Der digitale Zähler (mME): Er misst den Stromfluss.
  2. Das Smart Meter Gateway (SMGW): Dies ist die Kommunikationseinheit. Sie empfängt die Daten vom Zähler, verarbeitet sie sicher und sendet sie verschlüsselt an berechtigte Marktteilnehmer wie den Messstellenbetreiber oder den Stromlieferanten.

Nur ein iMSys ermöglicht die für Mieterstrom erforderliche viertelstundengenaue (RLM-)Messung und Fernauslesung, was die Abrechnung automatisiert und manuelle Ablesungen überflüssig macht. Die Erfahrung zeigt, dass die meisten professionellen Mieterstromprojekte auf iMSys setzen, um den administrativen Aufwand zu minimieren und eine transparente Abrechnung zu gewährleisten.

Grundzuständig vs. wettbewerblich: Die strategische Wahl des Messstellenbetreibers

Als Betreiber einer Mieterstromanlage haben Sie die Wahl: Bleiben Sie beim grundzuständigen Messstellenbetreiber, meist den lokalen Stadtwerken, oder wechseln Sie zu einem wettbewerblichen Anbieter?

Der grundzuständige Messstellenbetreiber (gMSB)

Der gMSB ist der Standard-Dienstleister in Ihrer Region und somit bereits etabliert. Ein möglicher Nachteil: Viele gMSBs sind noch nicht auf komplexe Mieterstrom-Messkonzepte spezialisiert. Ihre Prozesse sind oft auf den Standardfall – ein Zähler pro Haushalt – ausgelegt. Das kann zu höheren Kosten, längeren Einrichtungszeiten und weniger flexiblen Abrechnungslösungen führen.

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Der wettbewerbliche Messstellenbetreiber (wMSB)

Ein wMSB ist ein spezialisierter Dienstleister, der im Wettbewerb zum gMSB steht. Viele dieser Anbieter haben sich auf Mieterstrom und Quartierslösungen spezialisiert.

Vorteile eines wMSB:

  • Spezialisierung: Sie bieten oft fertige Messkonzepte und Abrechnungsdienstleistungen für Mieterstrom an.
  • Kosteneffizienz: Durch standardisierte Prozesse und Skaleneffekte können sie oft günstigere Konditionen für den Messstellenbetrieb anbieten.
  • Integrierte Lösungen: Viele wMSBs bieten eine Komplettlösung aus einer Hand – Messstellenbetrieb, Datenvisualisierung für Mieter und die komplette Stromabrechnung. Dies reduziert Ihren administrativen Aufwand erheblich.
  • Flexibilität: Sie sind oft agiler in der Umsetzung individueller Anforderungen für Ihr Gebäude.

Die Entscheidung für einen wMSB ist somit eine strategische Weichenstellung, die die Wirtschaftlichkeit von Mieterstrom maßgeblich beeinflusst. Während die jährlichen Kosten für ein iMSys gesetzlich gedeckelt sind (z. B. 100 €/Jahr für einen Verbrauch von 6.000 bis 10.000 kWh), können die Zusatzleistungen für Abrechnung und Datenmanagement stark variieren.

Pflichten und Kosten: Was leistet der Messstellenbetreiber?

Die Aufgaben des MSB sind klar im MsbG definiert und gehen über die reine Zählermontage hinaus.

Kernpflichten des MSB:

  • Einbau und Inbetriebnahme: Fachgerechte Installation der Zählertechnik.
  • Betrieb und Wartung: Sicherstellung der dauerhaften Funktion und Eichgültigkeit der Zähler.
  • Messdatenerfassung: Regelmäßige und fehlerfreie Erfassung der Verbrauchs- und Erzeugungsdaten.
  • Datenübermittlung: Bereitstellung der Messdaten an berechtigte Stellen (z. B. Netzbetreiber, Stromlieferant, Anlagenbetreiber).
  • Gewährleistung der Datensicherheit: Insbesondere bei iMSys ist der Schutz der sensiblen Verbrauchsdaten eine zentrale Aufgabe.

Kostenstruktur:

Die Kosten für den Messstellenbetrieb werden als jährliche Gebühr pro Zählpunkt (d. h. pro Wohnung und für die PV-Anlage) abgerechnet. Diese Kosten sind durch gesetzliche Preisobergrenzen gedeckelt.

  • Moderne Messeinrichtung (mME): Maximal 20 € pro Jahr.
  • Intelligentes Messsystem (iMSys): Gestaffelt nach Jahresverbrauch oder Einspeiseleistung, z. B. 100 € pro Jahr für einen Haushalt mit bis zu 10.000 kWh Verbrauch.

Diese Preisobergrenzen decken jedoch nur den reinen Messstellenbetrieb ab. Kosten für zusätzliche Dienstleistungen wie die Mieterstrom-Abrechnung oder ein Mieterportal kommen in der Regel hinzu. Viele Kunden entscheiden sich daher für Anbieter, die transparente Paketpreise für das Gesamtpaket aus Messung und Abrechnung anbieten.

Fazit: Eine bewusste Entscheidung für den Projekterfolg

Die Auswahl des Messstellenbetreibers ist kein reiner Verwaltungsakt, sondern eine grundlegende Weichenstellung für Ihr Mieterstromprojekt. Ein spezialisierter Partner kann nicht nur Kosten sparen, sondern auch den administrativen Aufwand drastisch reduzieren und für eine reibungslose, transparente Abrechnung sorgen. Das schafft Vertrauen bei Ihren Mietern und sichert die langfristige Rentabilität Ihrer Investition. Wenn Sie eine Photovoltaik-Anlage für ein Mieterstromprojekt planen, sollten Sie das Messkonzept und die Auswahl des passenden Messstellenbetreibers daher frühzeitig angehen.


Häufig gestellte Fragen (FAQ)

Kann ich meinen Messstellenbetreiber frei wählen?

Ja, grundsätzlich haben Sie als Anlagenbetreiber oder Gebäudeeigentümer das Recht, einen wettbewerblichen Messstellenbetreiber zu wählen. Sie müssen den Wechsel lediglich beim grundzuständigen Messstellenbetreiber und dem Netzbetreiber anmelden. Der neue wMSB übernimmt diesen Prozess in der Regel für Sie.

Wer bezahlt den Messstellenbetrieb?

Die Kosten für den Messstellenbetrieb werden an den jeweiligen Anschlussnutzer, also den Mieter, weitergegeben. Sie erscheinen als separater Posten auf der Stromrechnung oder sind in den monatlichen Abschlag integriert.

Was passiert, wenn ein Mieter auszieht?

Ein professioneller Messstellenbetreiber oder der damit verbundene Abrechnungsdienstleister hat standardisierte Prozesse für Mieterwechsel. Die Zählerstände werden zum Auszugsdatum fernausgelesen, eine Endabrechnung wird erstellt und der neue Mieter nahtlos im System angemeldet.

Wie sicher sind meine Verbrauchsdaten bei einem intelligenten Messsystem?

Intelligente Messsysteme unterliegen strengsten Sicherheitsvorgaben des Bundesamtes für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI). Die Datenübertragung erfolgt ausschließlich verschlüsselt über das Smart Meter Gateway. Nur berechtigte Marktteilnehmer erhalten Zugriff auf die für sie relevanten Daten.

Benötigt jede Wohnung ein intelligentes Messsystem?

Für eine verbrauchsgenaue Abrechnung im Mieterstrommodell ist in jeder teilnehmenden Wohneinheit in der Regel ein fernauslesbarer Zähler erforderlich, meist in Form eines iMSys. Nur so lässt sich der individuelle Bezug von Solarstrom und Netzstrom exakt trennen und korrekt abrechnen.


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OLEKSANDR PUSHKAR
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