Kostenvergleich: Rechnet sich eine Ost-West-Anlage gegenüber einer reinen Südausrichtung?

Lange Zeit galt eine nach Süden ausgerichtete Photovoltaikanlage als das unangefochtene Ideal. Die Logik dahinter ist schnell erklärt: Die Mittagssonne liefert die intensivste Strahlung und damit den maximalen Energieertrag pro Quadratmeter. Doch die Rahmenbedingungen haben sich geändert – und mit ihnen auch die Prioritäten. Für die meisten Haushalte ist heute nicht mehr der maximale Gesamtertrag entscheidend, sondern der Zeitpunkt der Stromerzeugung. Dieser Beitrag zeigt anhand eines konkreten Vergleichs, warum eine Ost-West-Anlage für viele Eigenheimbesitzer die wirtschaftlich klügere Wahl sein kann.

Der Mythos der perfekten Südausrichtung

Die Empfehlung für eine Südausrichtung stammt aus einer Zeit, als hohe Einspeisevergütungen den Verkauf von Solarstrom an das öffentliche Netz besonders lukrativ machten. Damals war das Ziel, so viele Kilowattstunden wie möglich zu produzieren und gewinnbringend zu verkaufen. Das Ergebnis ist eine hohe, spitze Ertragskurve um die Mittagszeit.

Das Problem heute: Die Einspeisevergütung liegt (Stand 2024) nur noch bei einem Bruchteil des Preises, den Sie für Strom aus dem Netz bezahlen. Das neue Ziel lautet daher: Maximaler Eigenverbrauch. Sie sparen am meisten, wenn Sie den selbst erzeugten Strom auch direkt verbrauchen. Eine Südanlage produziert ihren Strom aber ausgerechnet dann, wenn eine typische Familie – Erwachsene bei der Arbeit, Kinder in der Schule – den geringsten Bedarf hat. Der teuer erzeugte Solarstrom wird mittags für wenig Geld ins Netz eingespeist, während morgens und abends teurer Netzstrom zugekauft werden muss.

Die Ost-West-Anlage: Strom, wenn Sie ihn brauchen

Eine Ost-West-Anlage verteilt die Module auf zwei Dachflächen. Die Ostseite fängt die ersten Sonnenstrahlen des Tages ein und liefert Strom, wenn morgens der Kaffee kocht, das Licht brennt und die ersten Geräte laufen. Die Westseite übernimmt am Nachmittag und versorgt den Haushalt bis in die Abendstunden – genau dann, wenn gekocht wird, die Waschmaschine läuft oder der Fernseher eingeschaltet ist.

Das Ergebnis ist eine breitere und flachere Erzeugungskurve. Die Spitzenleistung fällt zwar geringer aus als bei einer Südanlage, doch die Stromproduktion verteilt sich über den ganzen Tag und passt sich damit dem Verbrauchsverhalten der meisten Haushalte wesentlich besser an. Diese „verlängerte Stromproduktion“ erhöht den Eigenverbrauchsanteil direkt und ohne zusätzliche Technik.

Konkreter Kosten- und Ertragsvergleich: Ein Rechenbeispiel

Um den Unterschied greifbar zu machen, vergleichen wir zwei Szenarien für einen typischen Vierpersonenhaushalt.

Annahmen:

  • Jährlicher Stromverbrauch: 4.500 kWh
  • Strompreis vom Versorger: 35 Cent/kWh
  • Einspeisevergütung: 8 Cent/kWh
  • Anlagengröße: 10 kWp

Szenario 1: Die klassische 10-kWp-Südanlage

Eine 10-kWp-Anlage mit optimaler Südausrichtung erzeugt in Deutschland jährlich etwa 10.000 kWh Strom. Ohne Stromspeicher erreicht ein typischer Haushalt damit eine Eigenverbrauchsquote von rund 30 %.

  • Investitionskosten: ca. 15.000 €
  • Gesamtertrag: 10.000 kWh/Jahr
  • Direkt verbrauchter Strom: 3.000 kWh (30 % von 10.000 kWh)
  • Ersparnis durch Eigenverbrauch: 3.000 kWh * 0,35 €/kWh = 1.050 €
  • Eingespeister Strom: 7.000 kWh (10.000 kWh – 3.000 kWh)
  • Einnahmen durch Einspeisung: 7.000 kWh * 0,08 €/kWh = 560 €
  • Jährlicher Gesamtnutzen: 1.050 € + 560 € = 1.610 €
  • Amortisationszeit: ca. 9,3 Jahre

Szenario 2: Die 10-kWp-Ost-West-Anlage

Eine Ost-West-Anlage hat einen etwas geringeren spezifischen Ertrag. Rechnen wir mit 15 % weniger, also rund 8.500 kWh pro Jahr. Durch die bessere zeitliche Verteilung steigt die Eigenverbrauchsquote jedoch auf etwa 40 %.

  • Investitionskosten: ca. 15.500 € (oft minimal höher durch mehr Verkabelung)
  • Gesamtertrag: 8.500 kWh/Jahr
  • Direkt verbrauchter Strom: 3.400 kWh (40 % von 8.500 kWh)
  • Ersparnis durch Eigenverbrauch: 3.400 kWh * 0,35 €/kWh = 1.190 €
  • Eingespeister Strom: 5.100 kWh (8.500 kWh – 3.400 kWh)
  • Einnahmen durch Einspeisung: 5.100 kWh * 0,08 €/kWh = 408 €
  • Jährlicher Gesamtnutzen: 1.190 € + 408 € = 1.598 €
  • Amortisationszeit: ca. 9,7 Jahre

Fazit des Vergleichs

Das „Aha-Erlebnis“ dieser Rechnung: Obwohl die Ost-West-Anlage absolut gesehen weniger Strom erzeugt, ist ihr wirtschaftlicher Nutzen für den Haushalt fast identisch mit dem der Südanlage. Der höhere Eigenverbrauch kompensiert den geringeren Gesamtertrag und die leicht höheren Investitionskosten beinahe vollständig.

Wann ist welche Ausrichtung die bessere Wahl?

Die Entscheidung hängt von Ihren individuellen Zielen und Ihrem Verbrauchsverhalten ab.

Für wen eignet sich eine Südausrichtung?

  • Haushalte mit hohem Mittagsverbrauch: Wenn Sie regelmäßig im Homeoffice arbeiten, mittags ein Elektroauto laden oder andere Großverbraucher zur Mittagszeit betreiben.
  • Maximierer mit Stromspeicher: Wer von vornherein einen großen Stromspeicher plant, kann den Mittagsüberschuss der Südanlage effizient für die Nacht speichern.
  • Begrenzte Dachfläche: Wenn das Dach klein ist und jedes einzelne Modul die maximale Leistung erbringen muss, um den Bedarf zu decken.

Für wen ist eine Ost-West-Anlage ideal?

  • Berufstätige und Familien: Der klassische Fall. Der Strom wird produziert, wenn die Familie zu Hause ist und ihn verbraucht – morgens und abends.
  • Nutzer ohne Stromspeicher: Die Ost-West-Ausrichtung ist der einfachste Weg, den Eigenverbrauch ohne die zusätzlichen Kosten für einen Batteriespeicher signifikant zu erhöhen.
  • Große, unverschattete Dachflächen: Auf einem Satteldach lassen sich oft mehr Module installieren als nur auf der Südseite. So kann der geringere spezifische Ertrag durch eine größere Gesamtleistung (kWp) ausgeglichen werden – eine in der Praxis sehr verbreitete und effektive Konfiguration.

Der Einfluss eines Stromspeichers

Ein Stromspeicher verändert die Kalkulation. Er ermöglicht es, den überschüssigen Mittagsstrom einer Südanlage zu speichern und abends zu nutzen. Dadurch steigt die Eigenverbrauchsquote einer Südanlage stark an, oft auf über 60–70 %. Das macht die Südausrichtung in Kombination mit einem Speicher wieder sehr attraktiv.

Eine Ost-West-Anlage profitiert ebenfalls von einem Speicher, benötigt aber oft ein kleineres und damit günstigeres Modell. Da die Energieerzeugung gleichmäßiger erfolgt, muss der Speicher keine so langen Phasen ohne Sonneneinstrahlung überbrücken. Ob sich ein Stromspeicher für Ihre PV-Anlage lohnt, hängt von vielen individuellen Faktoren ab.

Häufige Fragen (FAQ)

  1. Ist der Neigungswinkel bei Ost-West-Anlagen anders?
    Ja, für Ost-West-Anlagen sind oft flachere Dachneigungen zwischen 10 und 30 Grad vorteilhaft, um die tief stehende Morgen- und Abendsonne besser einzufangen. Südanlagen bevorzugen hingegen steilere Winkel von 30 bis 45 Grad.

  2. Kann ich mehr Module auf einem Ost-West-Dach installieren?
    In der Regel ja. Da beide Dachhälften eines Satteldaches genutzt werden können, lässt sich die installierbare Gesamtleistung (kWp) im Vergleich zur alleinigen Nutzung der Südseite oft deutlich erhöhen.

  3. Was ist mit Verschattung?
    Verschattung ist bei jeder Ausrichtung ein wichtiger Faktor. Bei einer Ost-West-Anlage muss die Westseite auf mögliche Schatten am Morgen (z. B. durch hohe Bäume im Osten) und die Ostseite auf Schatten am Abend geprüft werden. Moderne Leistungsoptimierer können die Auswirkungen minimieren.

Fazit: Es geht nicht um maximalen Ertrag, sondern um Ihren Nutzen

Die goldene Regel der Südausrichtung ist überholt. Für moderne Haushalte, deren Ziel die Unabhängigkeit vom Stromnetz und die Senkung der Stromkosten ist, ist die Ost-West-Anlage eine wirtschaftlich ebenbürtige, oft sogar praktischere Alternative. Sie liefert den Strom dann, wenn er gebraucht wird, und maximiert so den wertvollen Eigenverbrauch.

Immer mehr Hausbesitzer erkennen die Vorteile einer Ost-West-Ausrichtung für ihre individuelle Lebenssituation und entscheiden sich bewusst dafür. Analysieren Sie Ihr eigenes Verbrauchsverhalten, um die für Sie passende Lösung zu finden.

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OLEKSANDR PUSHKAR
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