EEG-Fernsteuerbarkeit: Die IT-Anforderungen für die Direktvermarktung

Sie möchten den Strom Ihrer Photovoltaikanlage direkt vermarkten, um höhere Erlöse zu erzielen?

Eine gute Entscheidung. Doch dann konfrontiert Sie Ihr Direktvermarkter mit Begriffen wie „Fernsteuerbarkeit“, „Echtzeit-Datenübermittlung“ und „gesicherte Kommunikationswege“. Was genau verbirgt sich hinter diesen Anforderungen und was bedeuten sie für die IT-Infrastruktur Ihrer Anlage?

Dieser Beitrag führt Sie durch die technischen Vorgaben des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) für die Direktvermarktung.

Wir erklären, welche Komponenten Sie benötigen, wie die Kommunikation abläuft und worauf Sie bei der Umsetzung achten sollten, damit Ihr Einstieg reibungslos gelingt.

Grundlagen: Warum ist Fernsteuerbarkeit überhaupt notwendig?

Die Photovoltaik Direktvermarktung bedeutet, dass Ihr erzeugter Strom nicht mehr zu einem festen Satz an den Netzbetreiber verkauft, sondern direkt an der Strombörse gehandelt wird. Dieser Markt ist dynamisch: Die Preise ändern sich je nach Angebot und Nachfrage im Minutentakt. Fällt der Börsenstrompreis ins Negative – etwa an einem sonnigen und windigen Sonntagmittag, an dem mehr Strom erzeugt als verbraucht wird –, müssen große Erzeugungsanlagen ihre Einspeisung drosseln können, um das Netz nicht zu überlasten.

Genau hier kommt die Fernsteuerbarkeit ins Spiel: Sie ist die technische Voraussetzung dafür, dass Ihr Direktvermarkter oder der Netzbetreiber die Leistung Ihrer Anlage aus der Ferne reduzieren kann. Ohne diese Fähigkeit ist eine Teilnahme an der Direktvermarktung nach EEG-Vorgaben nicht möglich.

Die zentralen Akteure in diesem System sind:

  • Der Anlagenbetreiber (Sie): Sie sind für die Bereitstellung der technischen Infrastruktur vor Ort verantwortlich.
  • Der Direktvermarkter: Er handelt Ihren Strom an der Börse und benötigt den Fernzugriff, um die Anlage an Marktsignale anzupassen.
  • Der Netzbetreiber: Er muss die Stabilität des Stromnetzes gewährleisten und kann im Notfall ebenfalls auf Ihre Anlage zugreifen, um sie abzuregeln.

Die technischen Anforderungen im Detail

Um die Fernsteuerbarkeit sicherzustellen, muss Ihre Photovoltaikanlage über eine Kette von aufeinander abgestimmten IT-Komponenten verfügen. Diese Kette reicht von der Steuerungseinheit vor Ort bis zum Leitstand des Direktvermarkters.

Anker SOLIX Solarbank 3 E2700 Pro Balkonkraftwerk Speicher Set 1000 Watt 800 Watt - 2,7 kWh

Aus unserem Shop, Kategorie: Balkonkraftwerke mit Speicher

Anker SOLIX Solarbank 3 E2700 Pro Balkonkraftwerk Speicher Set 1000 Watt 800 Watt - 2,7 kWh

Ab 1.299,00 

Die Steuerungseinheit: Das Gehirn Ihrer Anlage

Das Herzstück der Fernsteuerbarkeit ist eine zentrale Steuerungseinheit, die oft als „Gateway“, „Datenlogger mit Steuerfunktion“ oder „Fernwirktechnik-Anbindung“ bezeichnet wird. Dieses Gerät fungiert als Bindeglied zwischen Ihren Wechselrichtern und der Außenwelt.

Seine Hauptaufgaben sind:

  1. Empfangen von Befehlen: Sie empfängt die Steuersignale (SOLL-Werte) vom Direktvermarkter.
  2. Übersetzen und Weiterleiten: Sie übersetzt diese Befehle in eine für die Wechselrichter verständliche Sprache und gibt die Anweisung zur Leistungsreduzierung weiter.
  3. Sammeln und Senden von Daten: Parallel erfasst sie kontinuierlich die aktuellen Produktionsdaten (IST-Werte) der Anlage und sendet diese an den Direktvermarkter.

Praxisbeispiel: An einem sonnigen Mittag produziert Ihre 200-kWp-Anlage mit voller Leistung. Der Börsenstrompreis fällt stark. Ihr Direktvermarkter sendet einen Befehl, die Leistung auf 30 % (60 kW) zu drosseln. Das Gateway empfängt diesen SOLL-Wert, verteilt die neue Leistungsvorgabe auf die angeschlossenen Wechselrichter und meldet den neuen IST-Wert von 60 kW zurück. Dieser Vorgang muss innerhalb von Sekunden oder wenigen Minuten abgeschlossen sein.

Kommunikationsschnittstellen und Protokolle

Für die Kommunikation zwischen Gateway und Direktvermarkter ist eine stabile und sichere Internetverbindung unerlässlich. In der Praxis haben sich hierfür Mobilfunklösungen (LTE/4G) mit fest verbauter SIM-Karte bewährt, da sie unabhängig vom lokalen Internetanschluss funktionieren.

Die Kommunikation selbst erfolgt über standardisierte Protokolle. Man kann sie sich wie eine gemeinsame Sprache vorstellen, die beide Seiten verstehen müssen. Gängige Protokolle in diesem Bereich sind:

  • IEC 60870-5-104: Ein weit verbreitetes Netzwerkprotokoll in der Energiewirtschaft.
  • Modbus TCP: Ein einfaches und robustes Protokoll, das häufig bei der Ansteuerung von Wechselrichtern zum Einsatz kommt.

Entscheidend ist daher die Auswahl von Komponenten, die diese Protokolle unterstützen. Um Kompatibilitätsprobleme zu vermeiden, stellen die meisten Direktvermarkter Listen mit zertifizierter und passender Hardware zur Verfügung.

Datenübermittlung in Echtzeit: IST- und SOLL-Werte

Die Direktvermarktung lebt von aktuellen Daten. Um präzise Handelsprognosen erstellen zu können, muss der Direktvermarkter jederzeit wissen, wie viel Strom Ihre Anlage gerade produziert (IST-Wert). Üblicherweise werden diese Leistungsdaten in einem 15-Minuten-Intervall übermittelt.

Steuersignale (SOLL-Werte) müssen hingegen quasi in Echtzeit verarbeitet werden. Wenn der Netzbetreiber eine Notabschaltung anordnet, zählt jede Sekunde. Daher muss die gesamte Kommunikationskette auf eine schnelle und zuverlässige Signalübertragung ausgelegt sein.

Wer ist für was verantwortlich?

Die Umsetzung der Fernsteuerbarkeit ist eine geteilte Aufgabe. Ein klares Verständnis der Zuständigkeiten hilft, Verzögerungen und unerwartete Kosten zu vermeiden.

12000 Watt Photovoltaikanlagen inkl. 15,00 kWh Batterie & Ziegeldach Montageset - Trina Bifazial

Aus unserem Shop, Kategorie: PV Anlagen mit Speicher und Montagesets

12000 Watt Photovoltaikanlagen inkl. 15,00 kWh Batterie & Ziegeldach Montageset - Trina Bifazial

8.599,00 

Die Rolle des Anlagenbetreibers

Als Betreiber sind Sie dafür verantwortlich, die technischen Voraussetzungen am Anlagenstandort zu schaffen. Dazu gehört:

  • Beschaffung der Hardware: Sie müssen die notwendige Steuerungseinheit und eventuell benötigte Modems anschaffen und installieren lassen. Je nach Anlagengröße liegen die Kosten hierfür typischerweise zwischen einigen hundert und wenigen tausend Euro.
  • Sicherstellung der Konnektivität: Sie sind für die Bereitstellung und die laufenden Kosten einer stabilen Internetverbindung (z. B. Mobilfunkvertrag) verantwortlich.
  • Koordination: Die Abstimmung zwischen Ihrem Installateur und dem gewählten Direktvermarkter ist für einen reibungslosen Ablauf essenziell.

Die Aufgaben des Direktvermarkters

Der Direktvermarkter ist Ihr Partner für die Anbindung an den Energiemarkt. Seine Aufgaben umfassen:

  • Technische Spezifikation: Er definiert die genauen Anforderungen an die Hardware und die Kommunikationsprotokolle.
  • Anbindung und Konfiguration: Er richtet die sichere Verbindung (oft über ein VPN) zu seinem Leitsystem ein und testet die Fernsteuerbarkeit.
  • Betrieb: Er übernimmt die aktive Steuerung Ihrer Anlage entsprechend den Markterfordernissen und gesetzlichen Vorgaben.

Häufige Herausforderungen und praktische Lösungen

Die Praxiserfahrung aus zahlreichen Projekten zeigt, dass bei der Einrichtung der Fernsteuerbarkeit immer wieder ähnliche Hürden auftreten.

Problem 1: Instabile Internetverbindung

Gerade an ländlichen Standorten ist die Mobilfunkabdeckung nicht immer optimal. Fällt die Verbindung aus, kann die Anlage nicht mehr gesteuert und überwacht werden, was zu Vertragsstrafen führen kann.

  • Lösung: Setzen Sie auf Hardware, die mehrere SIM-Karten (Dual-SIM) verschiedener Netzbetreiber unterstützt. So kann das System bei einem Netzausfall automatisch auf einen anderen Anbieter umschalten.

Problem 2: Inkompatible Komponenten

Ein häufiger Fehler ist die Anschaffung von Hardware, bevor der Direktvermarkter feststeht. Wenn der Datenlogger des Installateurs nicht mit dem System des Vermarkters kommunizieren kann, ist eine teure Nachrüstung die Folge.

  • Lösung: Eine einfache Faustregel hilft: Klären Sie immer zuerst die Schnittstellen mit dem Direktvermarkter Ihrer Wahl, bevor Sie Hardware bestellen. Lassen Sie sich die Kompatibilität am besten schriftlich bestätigen.

Problem 3: Mangelnde IT-Sicherheit

Eine fernsteuerbare Anlage ist mit dem Internet verbunden und potenziell angreifbar. Ein ungesicherter Zugang kann ein Einfallstor für Manipulationen sein. Die Absicherung des gesamten Systems, zu dem unter Umständen auch ein PV-Anlage mit Stromspeicher gehört, hat höchste Priorität.

  • Lösung: Die Kommunikation muss zwingend über gesicherte, verschlüsselte Verbindungen (VPN-Tunnel) erfolgen. Achten Sie darauf, dass der Direktvermarkter und die eingesetzte Hardware moderne Sicherheitsstandards erfüllen.

FAQ: Häufig gestellte Fragen zur Fernsteuerbarkeit

Was passiert, wenn die Internetverbindung zur Anlage abreißt?

Fällt die Verbindung aus, kann der Direktvermarkter die Anlage nicht mehr steuern. Für diesen Fall gibt es meist vertraglich festgelegte Notfallprozeduren. Oft muss die Anlage dann für die Dauer des Ausfalls mit einer festen, reduzierten Leistung laufen. Anhaltende Ausfälle können zu Pönalen führen.

Wer trägt die Kosten für die Technik und den Internetanschluss?

In der Regel trägt der Anlagenbetreiber die einmaligen Kosten für die Anschaffung und Installation der Steuerungstechnik sowie die laufenden Kosten für den Datenvertrag der SIM-Karte.

Gilt die Pflicht zur Fernsteuerbarkeit auch für Anlagen unter 100 kWp?

Sobald Sie an der geförderten Direktvermarktung (Marktprämie) teilnehmen möchten, ist die Fernsteuerbarkeit unabhängig von der Anlagengröße eine zwingende Voraussetzung. Die 100-kWp-Grenze ist vor allem für andere Regelungen des EEG relevant, nicht aber für diese Kernanforderung der Direktvermarktung.

Kann ich den Direktvermarkter später einfach wechseln?

Ein Wechsel ist grundsätzlich möglich, kann aber mit technischem Aufwand verbunden sein. Hat der neue Direktvermarkter andere Protokolle oder Hardwareanforderungen, muss die Steuerungstechnik vor Ort eventuell umkonfiguriert oder sogar ausgetauscht werden.

Zusammenfassung und Ausblick

Die Fernsteuerbarkeit ist keine optionale Zusatzfunktion, sondern das technische Fundament der Direktvermarktung. Sie stellt sicher, dass Ihre Anlage aktiv am Strommarkt teilnehmen und zur Netzstabilität beitragen kann. Die Umsetzung erfordert eine sorgfältige Planung und die Auswahl der passenden IT-Komponenten – von der Steuerungseinheit über die Protokolle bis hin zur sicheren Internetverbindung.

Der Schlüssel zum Erfolg liegt in der frühzeitigen und engen Abstimmung mit Ihrem Installateur und dem zukünftigen Direktvermarkter. So vermeiden Sie teure Nachbesserungen und können pünktlich von den Vorteilen der Direktvermarktung profitieren.

Ratgeber teilen
OLEKSANDR PUSHKAR
OLEKSANDR PUSHKAR