Ertragsprognosen in PV-Angeboten kritisch prüfen: So erkennen Sie realistische von geschönten Berechnungen

Sie halten zwei Angebote für eine Photovoltaikanlage für Ihr Hausdach in den Händen. Die Anlagengröße ist nahezu identisch, die Komponenten sind vergleichbar – doch die prognostizierten Erträge und die daraus resultierende Amortisationszeit unterscheiden sich erheblich. Ein Angebot verspricht eine Rendite, die fast zu gut klingt, um wahr zu sein. Dieses Szenario ist keine Seltenheit, und viele zukünftige Anlagenbetreiber fragen sich: Welcher Berechnung kann ich vertrauen?

Eine Ertragsprognose ist das Herzstück jeder Wirtschaftlichkeitsberechnung und die Grundlage für Ihre Investitionsentscheidung. Eine realistische Einschätzung schützt Sie vor Enttäuschungen und sorgt für eine verlässliche Planung. Geschönte Werte führen hingegen zu einer verkürzten, aber unrealistischen Amortisationszeit und können die finanzielle Attraktivität einer Anlage künstlich aufblähen. In diesem Beitrag erfahren Sie, auf welchen Annahmen eine seriöse Prognose basiert und wie Sie die entscheidenden Kennzahlen eines Angebots selbst bewerten können.

Warum eine realistische Ertragsprognose die Grundlage jeder soliden Investition ist

Die Entscheidung für eine Photovoltaikanlage ist eine langfristige Investition. Die Ertragsprognose bestimmt, wie schnell sich die anfänglichen Kosten einer Photovoltaikanlage durch eingesparte Stromkosten und mögliche Einspeisevergütungen amortisieren. Anbieter, die mit überzogenen Versprechen arbeiten, stützen ihre Angebote oft auf optimistische Annahmen, die einer kritischen Prüfung nicht standhalten.

Auch Verbraucherzentralen, wie die Verbraucherzentrale Bayern, warnen regelmäßig vor Angeboten mit unrealistischen Ertrags- und Renditeversprechen. Die Erfahrung zeigt: Hier wird oft mit veralteten oder unpassenden Wetterdaten, einem zu gering angesetzten Leistungsabfall der Module oder utopischen Annahmen zur Strompreisentwicklung gerechnet. Eine solide Prognose ist daher kein Verkaufsargument, sondern ein Zeichen für die Seriosität des Anbieters.

Die vier entscheidenden Stellschrauben einer Ertragsprognose

Um ein Angebot kompetent bewerten zu können, müssen Sie kein Experte sein. Es genügt, die vier zentralen Faktoren zu kennen, die jede Ertragsprognose maßgeblich beeinflussen. Achten Sie in Ihrem Angebot gezielt auf diese Werte.

Faktor 1: Die Globalstrahlung – Woher stammen die Wetterdaten?

Die wichtigste Grundlage für jede Ertragsprognose ist die sogenannte Globalstrahlung. Dieser Wert gibt an, wie viel Sonnenenergie pro Quadratmeter an Ihrem spezifischen Standort im langjährigen Durchschnitt auf die Erdoberfläche einstrahlt. Hier liegt oft der erste große Unterschied zwischen seriösen und geschönten Berechnungen.

Worauf Sie achten sollten:
Ein seriöser Anbieter nutzt standortgenaue, langjährige Wetterdaten aus verlässlichen Quellen. Für Deutschland sind dies primär die Daten des Deutschen Wetterdienstes (DWD). Viele Planungstools, wie das anerkannte europäische System PVGIS (Photovoltaic Geographical Information System), greifen auf diese Daten zurück.

Praxisbeispiel:
An einem Standort in Süddeutschland (z. B. Freiburg) ist die Globalstrahlung mit bis zu 1.200 Kilowattstunden (kWh) pro Quadratmeter und Jahr deutlich höher als an einem Standort in Norddeutschland (z. B. Hamburg) mit etwa 950 kWh/m². Ein Angebot, das für einen norddeutschen Standort süddeutsche Werte ansetzt, wird zwangsläufig einen zu hohen Ertrag ausweisen. Fragen Sie im Zweifel nach, welche Datengrundlage für Ihre Prognose verwendet wurde.

Faktor 2: Die Leistungsdegradation – Wie altern Ihre Module?

Jedes Solarmodul verliert über die Jahre geringfügig an Leistung. Dieser natürliche Alterungsprozess wird als Degradation bezeichnet. Obwohl moderne, hochwertige Solarmodule sehr langlebig sind, muss dieser Effekt in einer 20- oder 25-jährigen Prognose berücksichtigt werden.

Worauf Sie achten sollten:
Führende Forschungsinstitute wie das Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme (ISE) haben nachgewiesen, dass die jährliche Degradation bei modernen kristallinen Modulen typischerweise zwischen 0,1 % und 0,2 % liegt. Eine seriöse Prognose setzt daher einen jährlichen Leistungsverlust von etwa 0,2 % bis 0,5 % an, um auf der sicheren Seite zu sein.

Praxisbeispiel:
Wird in einem Angebot mit einer Degradation von unter 0,2 % gerechnet oder der Punkt gar nicht erwähnt, ist Vorsicht geboten. Über 25 Jahre summiert sich selbst ein kleiner Unterschied: Bei 0,5 % Degradation liefert ein Modul nach 25 Jahren noch rund 88 % seiner ursprünglichen Leistung, bei angenommenen 0,1 % wären es unrealistische 97,5 %.

Faktor 3: Der Eigenverbrauch – Wie viel Strom nutzen Sie wirklich selbst?

Der größte finanzielle Vorteil einer PV-Anlage liegt im direkten Verbrauch des selbst erzeugten Stroms – so müssen Sie keinen teuren Netzstrom einkaufen. Die Annahmen zur Eigenverbrauchsquote haben daher einen erheblichen Einfluss auf die Wirtschaftlichkeit.

Worauf Sie achten sollten:
Die Höhe des Eigenverbrauchs hängt stark von Ihrem Verbrauchsverhalten und der Anlagentechnik ab. Ein typischer Vierpersonenhaushalt, dessen Mitglieder tagsüber oft außer Haus sind, erreicht ohne Stromspeicher realistischerweise eine Eigenverbrauchsquote von 25 % bis 30 %. Mit einem passend dimensionierten Stromspeicher kann dieser Wert auf 60 % bis 80 % gesteigert werden.

Praxisbeispiel:
Ein Angebot, das Ihnen ohne Speicher eine Eigenverbrauchsquote von 50 % oder mehr verspricht, ist mit hoher Wahrscheinlichkeit geschönt. Eine solche Quote ist nur erreichbar, wenn der Stromverbrauch gezielt in die Mittagsstunden verlegt wird (z. B. durch Laden eines E-Autos), was nicht für jeden Haushalt realistisch ist.

Faktor 4: Die Strompreisentwicklung – Ein Blick in die Glaskugel?

Die zukünftige Entwicklung des Netzstrompreises ist die größte Unbekannte in jeder Prognose. Je stärker der Preis steigt, desto mehr Geld sparen Sie mit jeder selbst verbrauchten Kilowattstunde. Einige Anbieter rechnen mit sehr hohen Annahmen zur jährlichen Strompreissteigerung, um ihre Angebote rentabler erscheinen zu lassen.

Worauf Sie achten sollten:
Obwohl die Strompreise langfristig tendenziell steigen, sind jährliche Steigerungsraten von 5 % oder mehr über einen Zeitraum von 20 Jahren spekulativ. Eine konservative und seriöse Prognose geht von einer moderaten jährlichen Steigerung von 2 % bis 4 % aus.

Praxisbeispiel:
Vergleichen Sie die im Angebot angenommene Preissteigerung mit der historischen Entwicklung. Fragen Sie sich, ob eine angenommene Verdopplung des Strompreises in den nächsten 15 Jahren für Sie plausibel erscheint. Eine bodenständige Annahme führt zu einer verlässlicheren Kalkulation.

Die Praxis: So prüfen Sie Ihr Photovoltaik-Angebot in 3 Schritten

Sie können die Seriosität eines Angebots mit einfachen Mitteln selbst überprüfen. Gehen Sie die folgenden drei Schritte durch, um mehr Sicherheit für Ihre Entscheidung zu gewinnen.

  1. Quellen und Annahmen hinterfragen: Suchen Sie im Angebot gezielt nach den oben genannten vier Faktoren. Sind die Wetterdatenquellen (z. B. DWD, PVGIS) genannt? Welche Werte werden für Degradation, Eigenverbrauch und Strompreissteigerung angesetzt? Scheuen Sie sich nicht, beim Anbieter direkt nachzufragen, wenn diese Informationen fehlen.
  2. Eine unabhängige Zweitmeinung einholen: Nutzen Sie einen unabhängigen Photovoltaik Rechner im Internet. Geben Sie dort Ihre Standort- und Dachdaten ein. Die Ergebnisse müssen nicht exakt mit dem Angebot übereinstimmen, da jeder Rechner leicht andere Algorithmen verwendet. Sie geben Ihnen jedoch eine hervorragende Orientierung, ob der im Angebot genannte Ertrag in einer realistischen Größenordnung liegt.
  3. Auf Plausibilität prüfen: Vergleichen Sie mehrere Angebote. Wenn ein Angebot deutlich höhere Erträge verspricht als alle anderen, ist dies ein klares Warnsignal. Erfahrungsgemäß gelangen seriöse Anbieter bei gleichen Voraussetzungen meist zu sehr ähnlichen Ergebnissen.

Wenn die Realität von der Prognose abweicht: Die Bedeutung der Systemqualität

Selbst die beste und ehrlichste Ertragsprognose ist wertlos, wenn die installierte Anlage ihre theoretische Leistung in der Praxis nicht erreicht. Die Qualität der Komponenten und die fachgerechte Installation sind ausschlaggebend für den tatsächlichen Ertrag.

Die Studie „Stromspeicher-Inspektion“ der Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW) Berlin, die regelmäßig die Effizienz von PV-Komplettsystemen untersucht, deckt erhebliche Unterschiede auf. So erreichten in einer aktuellen Untersuchung nur 2 von 21 getesteten Systemen eine sehr hohe Effizienz. Dies unterstreicht, dass nicht nur die Prognose, sondern auch die dahinterstehende Technik stimmen muss, damit sich die Investition langfristig auszahlt.

FAQ – Häufige Fragen zu Ertragsprognosen

Was ist ein realistischer Ertrag für eine 10-kWp-Anlage in Deutschland?
Als Faustregel können Sie davon ausgehen, dass eine 10-kWp-Anlage in Deutschland je nach Standort, Ausrichtung und Neigung jährlich zwischen 8.500 und 11.000 kWh Strom erzeugt. Anlagen in Süddeutschland liegen eher am oberen Ende dieser Spanne, Anlagen in Norddeutschland am unteren.

Beeinflusst die Dachneigung den Ertrag?
Ja, die Dachneigung hat einen Einfluss, wird aber oft überschätzt. Eine optimale Neigung liegt in Deutschland bei etwa 30 bis 35 Grad. Abweichungen von bis zu 20 Grad nach oben oder unten führen jedoch nur zu geringen Ertragseinbußen von wenigen Prozentpunkten und werden in einer guten Software-Planung automatisch berücksichtigt.

Was passiert bei Verschattung?
Verschattung durch Bäume, Schornsteine oder Nachbargebäude kann den Ertrag erheblich reduzieren. Eine seriöse Prognose muss eine detaillierte Verschattungsanalyse beinhalten. Moderne Systeme mit Leistungsoptimierern oder Modulwechselrichtern können die negativen Auswirkungen von Teilverschattungen minimieren.

Kann ich dem Anbieter vertrauen, wenn die Prognose sehr optimistisch ist?
Eine übertrieben optimistische Prognose sollte Sie zumindest vorsichtig machen. Sie ist oft ein Zeichen für aggressive Verkaufstaktiken. Ein vertrauenswürdiger Partner wird Ihnen eine konservative, aber dafür realistische Berechnung vorlegen und Ihnen die zugrunde liegenden Annahmen transparent erklären.

Fazit: Wissen schützt vor enttäuschten Erwartungen

Eine Ertragsprognose ist mehr als nur eine Zahl auf dem Papier – sie ist die finanzielle Basis Ihrer Entscheidung für saubere Energie. Indem Sie die entscheidenden Stellschrauben kennen und kritisch hinterfragen, schützen Sie sich vor leeren Versprechungen. Eine solide, nachvollziehbare Berechnung ist ein klares Qualitätsmerkmal eines Anbieters und die beste Voraussetzung für eine Photovoltaikanlage, die Ihnen über Jahrzehnte Freude und Ersparnis bringt.


Weitere praxisnahe Informationen zur Auswahl der richtigen Komponenten finden Sie direkt auf Photovoltaik.info.

Im Shop von Photovoltaik.info finden Sie Komplettsets, die auf typische Anlagengrößen abgestimmt sind.

Ratgeber teilen
OLEKSANDR PUSHKAR
OLEKSANDR PUSHKAR