Einspeisevergütung: Warum Zögern bei Photovoltaik teuer werden kann

Viele, die sich für eine Photovoltaikanlage interessieren, verfolgen eine auf den ersten Blick logische Strategie: abwarten. Die Preise für Solarmodule und Komponenten fallen seit Jahren – warum also nicht auf ein noch besseres Angebot in der Zukunft hoffen? Doch diese Überlegung übersieht einen entscheidenden Faktor, der langfristig einen größeren Einfluss auf die Rendite hat als ein paar hundert Euro Ersparnis bei der Anschaffung: die gesetzlich festgelegte Einspeisevergütung und ihre kontinuierliche Absenkung, die sogenannte Degression.

Ein konkretes Rechenbeispiel macht deutlich, warum Zögern bei der Anschaffung trotz sinkender Hardwarepreise die Gesamtwirtschaftlichkeit Ihrer Anlage über 20 Jahre empfindlich schmälern kann.

Die zwei Säulen der PV-Rendite: Eigenverbrauch und Einspeisung

Die Wirtschaftlichkeit einer Photovoltaikanlage speist sich aus zwei wesentlichen Quellen:

  1. Eigenverbrauch: Den Strom, den Sie direkt von Ihrem Dach verbrauchen, müssen Sie nicht teuer vom Energieversorger kaufen. Bei einem Strompreis von beispielsweise 35 Cent pro Kilowattstunde (kWh) ist jede selbst erzeugte und verbrauchte kWh 35 Cent wert. Dies ist der größte wirtschaftliche Hebel Ihrer Anlage.

  2. Einspeisevergütung: Überschüssiger Strom, den Sie nicht sofort verbrauchen oder speichern können, wird ins öffentliche Netz eingespeist. Dafür erhalten Sie vom Netzbetreiber eine staatlich garantierte Vergütung. Diese Vergütung ist für 20 Jahre ab Inbetriebnahme festgeschrieben.

Während der Eigenverbrauch von den schwankenden Marktpreisen für Strom abhängt, bietet die Einspeisevergütung eine absolut verlässliche und planbare Einnahmequelle für zwei Jahrzehnte. Und genau hier liegt der Knackpunkt.

Was bedeutet Degression der Einspeisevergütung?

Der Staat fördert den Ausbau der erneuerbaren Energien, passt die Förderbedingungen aber regelmäßig an die Marktentwicklung an. Da die Kosten für Photovoltaikanlagen sinken, wird auch die Höhe der Einspeisevergütung für neu installierte Anlagen schrittweise reduziert. Dieser Prozess wird als Degression bezeichnet.

Das bedeutet: Der Vergütungssatz, den Sie für Ihren eingespeisten Strom erhalten, hängt vom Monat der Inbetriebnahme Ihrer Anlage ab. Je später Sie Ihre Anlage anmelden, desto niedriger ist der garantierte Satz, den Sie für die nächsten 20 Jahre erhalten. Dieser einmal gesicherte Satz bleibt für Ihre Anlage dann konstant, während er für alle, die nach Ihnen kommen, weiter sinkt.

Rechenbeispiel: Warten vs. Handeln

Betrachten wir die finanziellen Auswirkungen des Zögerns in einem praxisnahen Szenario. Wir vergleichen die Bilanz einer Familie, die heute investiert, mit einer, die ein Jahr wartet.

Die Ausgangslage:

  • Anlagengröße: 10 Kilowatt-Peak (kWp), eine typische Größe für ein Einfamilienhaus.
  • Jahresertrag: 10.000 kWh.
  • Eigenverbrauchsquote: 40 % (4.000 kWh).
  • Netzeinspeisung: 60 % (6.000 kWh).
  • Aktueller Strompreis: 35 ct/kWh.

Warten vs. Handeln

Szenario A: Familie Schmidt entscheidet sich heute

Familie Schmidt investiert jetzt in ihre 10-kWp-Anlage.

  • Anschaffungskosten: 16.000 €.
  • Aktuelle Einspeisevergütung (Beispielwert): 8,1 ct/kWh. Dieser Satz ist für die Schmidts nun für 20 Jahre gesichert.

Die Bilanz im ersten Jahr:

  • Ersparnis durch Eigenverbrauch: 4.000 kWh * 0,35 €/kWh = 1.400 €.
  • Einnahmen durch Einspeisung: 6.000 kWh * 0,081 €/kWh = 486 €.
  • Gesamtertrag im ersten Jahr: 1.400 € + 486 € = 1.886 €.

Szenario B: Familie Meier wartet ein Jahr

Familie Meier hofft auf günstigere Preise und wartet 12 Monate.

  • Anschaffungskosten nach einem Jahr: Die Preise sind um 5 % gefallen. Die Anlage kostet nur noch 15.200 €. Ersparnis: 800 €.
  • Einspeisevergütung nach einem Jahr (Beispielwert): Durch die Degression ist der Satz auf 7,5 ct/kWh gesunken.

Die Bilanz von Familie Meier im „Wartejahr“:

  • Im ersten Jahr hat Familie Meier keine Anlage und somit null Ersparnis und null Einnahmen. Sie zahlt weiterhin den vollen Strompreis an ihren Versorger. Der finanzielle Vorteil von 1.886 €, den Familie Schmidt bereits im ersten Jahr erzielt, entgeht ihr komplett.

Familie Meier wartet ein Jahr

Der Langzeitvergleich nach 20 Jahren Betrieb

Rechnen wir den entscheidenden Faktor – die Einspeisevergütung – über die gesamte Laufzeit hoch.

  • Gesamteinnahmen Einspeisung (Familie Schmidt):6.000 kWh/Jahr 20 Jahre 0,081 €/kWh = 9.720 €
  • Gesamteinnahmen Einspeisung (Familie Meier):6.000 kWh/Jahr 20 Jahre 0,075 €/kWh = 9.000 €

Das Fazit des Vergleichs:

Familie Meier hat bei der Anschaffung zwar 800 € gespart. Allerdings hat sie mehrere Nachteile in Kauf genommen:

  1. Verlorenes erstes Jahr: Ihr ist ein kompletter Jahresertrag von 1.886 € entgangen.
  2. Geringere Einspeisevergütung: Über 20 Jahre erhält sie 720 € weniger für ihren eingespeisten Strom.

Zieht man Bilanz, ergibt sich ein klares Bild: Die Ersparnis von 800 € kann den entgangenen Ertrag (1.886 €) und die geringere Einspeisung (720 €) nicht ausgleichen. Trotz der Preissenkung hat Familie Meier durch ihr einjähriges Zögern einen finanziellen Nachteil von 1.806 € erlitten (1.886 € + 720 € – 800 €). Die Erfahrung aus vielen Kundenprojekten zeigt, dass die Opportunitätskosten des Wartens die potenziellen Hardware-Ersparnisse fast immer übersteigen.

Langzeitvergleich nach 20 Jahren Betrieb

Die Psychologie hinter dem Zögern

Es ist menschlich, auf den perfekten Moment zu warten. Bei fallenden Technologiepreisen scheint das besonders klug. Doch bei Photovoltaikanlagen ist dieser perfekte Moment oft genau jetzt. Die garantierte Einspeisevergütung ist ein zeitlich begrenztes Fenster, das sich langsam schließt. Jeder Monat des Zögerns sichert nicht nur einen niedrigeren Vergütungssatz für die nächsten zwei Jahrzehnte, sondern kostet auch bares Geld in Form von entgangenen Stromkosteneinsparungen und Einnahmen.

Die Entscheidung für eine Solaranlage ist weniger eine Wette auf zukünftige Tiefstpreise, sondern vielmehr die Sicherung heutiger, attraktiver Konditionen für eine langfristige Investition.

Häufig gestellte Fragen (FAQ)

Was genau ist die Degression?

Die Degression ist die gesetzlich festgelegte, planmäßige Absenkung der Vergütungssätze für Strom aus erneuerbaren Energien. Sie soll den technologischen Fortschritt und die sinkenden Kosten von Anlagen wie Photovoltaik widerspiegeln. Für Neuanlagen sinkt der Satz in regelmäßigen Abständen (aktuell halbjährlich).

Wie lange ist meine Einspeisevergütung garantiert?

Der Vergütungssatz, der im Monat der Inbetriebnahme Ihrer Anlage gilt, wird Ihnen staatlich garantiert – und zwar für das Inbetriebnahmejahr plus die darauffolgenden 20 Jahre. Er bleibt für Ihre Anlage über diesen gesamten Zeitraum stabil und unverändert.

Was ist, wenn die Modulpreise nach meinem Kauf stark fallen?

Selbst wenn die Preise nach Ihrer Anschaffung weiter fallen, haben Sie bereits begonnen, Geld zu sparen und Einnahmen zu generieren. Wie unser Rechenbeispiel zeigt, kompensiert der Ertrag aus dem „verlorenen Jahr“ in der Regel die potenzielle Preisersparnis bei Weitem.

Ändert sich die Einspeisevergütung für meine bestehende Anlage?

Nein. Sobald Ihre Anlage am Netz ist, ist Ihr persönlicher Vergütungssatz für 20 Jahre „eingefroren“ und von zukünftigen Absenkungen nicht mehr betroffen. Die Degression gilt immer nur für neu installierte Anlagen.

Fazit: Der beste Zeitpunkt ist oft heute

Die Jagd nach dem niedrigsten Preis für Solarmodule ist verständlich, aber sie lenkt vom Wesentlichen ab. Die wahre Wirtschaftlichkeit einer Photovoltaikanlage wird über 20 Jahre berechnet. Über diesen langen Zeitraum ist ein heute gesicherter, höherer Vergütungssatz ein weitaus größerer finanzieller Hebel als eine kleine Ersparnis bei der Anschaffung. Jeder Tag ohne eigene Solaranlage ist ein Tag, an dem Sie teuren Netzstrom kaufen und auf Einnahmen durch Einspeisung verzichten. Anstatt auf den letzten Euro Preissenkung zu warten, sichern Sie sich lieber die heute noch gültigen, attraktiven Förderkonditionen.

Weitere praxisnahe Informationen zur Auswahl der richtigen Komponenten und zur Planung Ihrer Anlage finden Sie direkt auf Photovoltaik.info.

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OLEKSANDR PUSHKAR
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