Amortisationsrechnung für Ost-West-Dächer: Wann sich die doppelte Belegung lohnt

Lange galt das nach Süden ausgerichtete Dach als Idealfall für die Photovoltaik. Doch die Zeiten ändern sich, und mit ihnen die Rahmenbedingungen. Angesichts hoher Strompreise und geringer Einspeisevergütungen rückt ein anderer Faktor in den Mittelpunkt der Wirtschaftlichkeit: der Eigenverbrauch. Und genau hier erweist sich eine Photovoltaikanlage auf einem Ost-West-Dach oft als die rentablere Lösung. Dieser Beitrag erklärt, warum das so ist und wie Sie die Amortisation für eine solche Anlage berechnen.
Was ist eine Ost-West-Anlage und wie unterscheidet sie sich?
Anders als bei der klassischen Südausrichtung, bei der alle Solarmodule auf einer Dachfläche zur Sonne blicken, werden bei einer Ost-West-Anlage die Module auf zwei Flächen installiert: eine auf der Ost- und eine auf der Westseite des Daches.
Der entscheidende Unterschied liegt im Produktionsverlauf über den Tag. Eine Südanlage erzeugt den Großteil ihres Stroms in den Mittagsstunden und erreicht dabei eine hohe Leistungsspitze. Eine Ost-West-Anlage hingegen hat zwei kleinere Spitzen:
- Vormittags: Die Ostseite fängt die Morgensonne ein und produziert früh am Tag Strom.
- Nachmittags: Die Westseite nutzt die Abendsonne und liefert Energie bis in die frühen Abendstunden.
Dadurch entsteht eine breitere, gleichmäßigere Erzeugungskurve. So steht der Solarstrom über einen längeren Zeitraum des Tages zur Verfügung – wenn auch mit einer geringeren Leistungsspitze um die Mittagszeit.
Der entscheidende Vorteil: Eine höhere Eigenverbrauchsquote
Der Schlüssel zur Rentabilität einer modernen Photovoltaikanlage ist nicht mehr die maximale Einspeisung, sondern eine möglichst hohe Eigenverbrauchsquote. Jede Kilowattstunde (kWh) Strom, die Sie selbst verbrauchen, spart Ihnen den Kauf von teurem Netzstrom (aktuell oft über 30 Cent/kWh). Jede kWh, die Sie ins Netz einspeisen, bringt Ihnen hingegen nur die gesetzliche Einspeisevergütung, die meist unter 9 Cent/kWh liegt.
Hier spielt die Ost-West-Anlage ihren größten Trumpf aus. Der typische Stromverbrauch eines Haushalts konzentriert sich auf die Morgen- und Abendstunden – genau dann, wenn die Ost-West-Anlage ihre Produktionsspitzen hat.
- Morgens: Kaffeemaschine, Licht, Warmwasserbereitung – der Strom von der Ostseite deckt den ersten großen Verbrauch.
- Abends: Kochen, Fernsehen, Waschen – die Westseite liefert die Energie für den Feierabend.
Studien und Praxiserfahrungen zeigen, dass Ost-West-Anlagen ohne Stromspeicher die Eigenverbrauchsquote im Vergleich zu reinen Südanlagen gleicher Größe um 10 bis 15 % steigern können. Dieser auf den ersten Blick kleine Unterschied hat einen enormen Einfluss auf die Amortisationszeit.
Die Amortisationsrechnung Schritt für Schritt erklärt
Um herauszufinden, wann sich Ihre Investition rentiert, müssen Sie die jährlichen Ersparnisse und Einnahmen den anfänglichen Kosten gegenüberstellen.
1. Ermittlung der Investitionskosten
Die Kosten für eine Photovoltaikanlage werden üblicherweise in Euro pro Kilowatt-Peak (€/kWp) angegeben. Eine typische Anlage für ein Einfamilienhaus mit 8 bis 12 kWp Leistung kostet je nach Komponenten und Installationsaufwand zwischen 1.400 und 1.800 € pro kWp. Eine 10-kWp-Anlage erfordert somit eine Investition von rund 14.000 bis 18.000 €. Die Kosten für Ost-West-Anlagen sind dabei vergleichbar mit denen für Südanlagen.
2. Berechnung des jährlichen Ertrags
Der spezifische Ertrag einer Ost-West-Anlage ist pro Modul zwar etwas geringer als bei einer idealen Südausrichtung, durch die Belegung beider Dachflächen kann aber oft eine größere Gesamtleistung installiert werden. Als Faustregel gilt: Pro kWp installierter Leistung können Sie auf einem Ost-West-Dach je nach Standort und Dachneigung mit einem Jahresertrag von 850 bis 950 kWh rechnen. Bei einer 10-kWp-Anlage wären das also etwa 9.000 kWh pro Jahr.
3. Die Stromkostenersparnis durch Eigenverbrauch
Hier kommt der Vorteil der höheren Eigenverbrauchsquote zum Tragen. Nehmen wir ein Rechenbeispiel:
- Anlagengröße: 10 kWp
- Jahresertrag: 9.000 kWh
- Jährlicher Stromverbrauch des Haushalts: 4.500 kWh
- Aktueller Strompreis: 35 Cent/kWh
Szenario A: Südanlage
- Typische Eigenverbrauchsquote: 30 %
- Selbst genutzter Strom: 4.500 kWh * 0,30 = 1.350 kWh
- Jährliche Ersparnis: 1.350 kWh * 0,35 €/kWh = 472,50 €
Szenario B: Ost-West-Anlage
- Typische Eigenverbrauchsquote: 40 %
- Selbst genutzter Strom: 4.500 kWh * 0,40 = 1.800 kWh
- Jährliche Ersparnis: 1.800 kWh * 0,35 €/kWh = 630,00 €
Die Ost-West-Anlage erwirtschaftet im Beispiel allein durch den höheren Eigenverbrauch über 150 € mehr pro Jahr.
4. Einnahmen durch die Einspeisevergütung
Der überschüssige Strom wird ins Netz eingespeist und vergütet.
- Überschuss Südanlage: 9.000 kWh – 1.350 kWh = 7.650 kWh
- Überschuss Ost-West-Anlage: 9.000 kWh – 1.800 kWh = 7.200 kWh
Bei einer Vergütung von z. B. 8,2 Cent/kWh ergeben sich folgende Einnahmen:
- Einnahmen Südanlage: 7.650 kWh * 0,082 €/kWh = 627,30 €
- Einnahmen Ost-West-Anlage: 7.200 kWh * 0,082 €/kWh = 590,40 €
5. Zusammenfassung: Wann ist der Break-even-Point erreicht?
Nun addieren wir Ersparnis und Einnahmen, abzüglich geringer laufender Kosten für Versicherung und Wartung (ca. 1-2 % der Investitionssumme p. a.).
- Gesamtertrag Südanlage: 472,50 € + 627,30 € = 1.100 € p. a.
- Gesamtertrag Ost-West-Anlage: 630,00 € + 590,40 € = 1.220 € p. a.
Bei angenommenen Investitionskosten von 15.000 € ergibt sich die Amortisationszeit wie folgt:
- Amortisation Südanlage: 15.000 € / 1.100 € ≈ 13,6 Jahre
- Amortisation Ost-West-Anlage: 15.000 € / 1.220 € ≈ 12,3 Jahre
Die Erfahrung zeigt, dass sich die meisten Anlagen dieser Art nach 11 bis 14 Jahren amortisieren. In diesem Beispiel ist die Ost-West-Anlage über ein Jahr früher rentabel und erwirtschaftet danach einen höheren Gewinn.
Typische Szenarien: Für wen lohnt sich eine Ost-West-Anlage besonders?
Die Ausrichtung auf Ost-West ist nicht für jeden die beste Lösung, aber in vielen gängigen Lebenssituationen die wirtschaftlich sinnvollere.
- Die berufstätige Familie: Der Strombedarf ist morgens vor der Arbeit und Schule sowie am späten Nachmittag und Abend am höchsten. Das deckt sich perfekt mit dem Erzeugungsprofil einer Ost-West-Anlage.
- Betreiber von Wärmepumpen und E-Autos: Diese Großverbraucher können ihre Betriebszeiten flexibel steuern. Die lange Verfügbarkeit von Sonnenstrom von früh bis spät ermöglicht es, die Geräte über den Tag verteilt mit günstigem Solarstrom zu betreiben.
- Eigenheimbesitzer ohne perfektes Süddach: Viele Hausbesitzer glauben fälschlicherweise, ihr Dach sei für Photovoltaik ungeeignet. Mit einer Ost-West-Belegung lassen sich auch auf Dächern mit ungünstigerer Ausrichtung hohe Erträge erzielen.
Häufig gestellte Fragen (FAQ)
Brauche ich einen speziellen Wechselrichter für eine Ost-West-Anlage?
Ja, Sie benötigen einen Wechselrichter mit mindestens zwei MPP-Trackern (Maximum Power Point). Jeder Tracker steuert eine Dachhälfte (Ost und West) unabhängig voneinander, um den optimalen Ertrag für jede Seite zu gewährleisten. Moderne Wechselrichter verfügen standardmäßig darüber.
Ist der Ertrag im Winter nicht viel geringer als bei einer Südanlage?
Aufgrund des flachen Sonnenstandes im Winter haben Südanlagen in diesen Monaten einen leichten Vorteil. Da der Großteil des Jahresertrags jedoch von März bis Oktober erzeugt wird, ist der Unterschied auf das Gesamtjahr gerechnet oft geringer als angenommen.
Kann ich eine Ost-West-Anlage mit einem Stromspeicher kombinieren?
Ja, das ist eine hervorragende Kombination. Der über den Tag verteilte Ertrag lädt den Speicher gleichmäßiger. So kann überschüssige Energie vom Vormittag für die Mittagszeit und die Energie vom Nachmittag für die Nacht gespeichert werden, was die Autarkie weiter erhöht.
Ist die Installation komplizierter oder teurer?
Der Installationsprozess ist praktisch identisch. Da für die gleiche Nennleistung (kWp) eventuell etwas mehr Dachfläche und Module benötigt werden, können die Gesamtkosten geringfügig höher sein. Wie die Beispielrechnung zeigt, wird dies jedoch oft durch die höhere Rentabilität mehr als ausgeglichen.
Fazit: Das Ost-West-Dach ist oft die klügere Wahl
Die Konzentration auf eine reine Südausrichtung ist ein Relikt aus Zeiten, in denen die Einspeisevergütung das Hauptargument für Photovoltaik war. Heute steht die Senkung der eigenen Stromkosten im Vordergrund. Eine Ost-West-Anlage erzeugt Strom dann, wenn er im Haushalt am dringendsten gebraucht wird, steigert so den Eigenverbrauch und verkürzt die Amortisationszeit. Für viele Eigenheimbesitzer ist sie daher nicht nur eine gute Alternative, sondern die wirtschaftlich überlegene Lösung.
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