Photovoltaik auf Ost-West-Dächern: Wann ist sie rentabler als eine Südausrichtung?

Lange Zeit galt eine reine Südausrichtung als das unumstößliche Ideal für eine Photovoltaik-Anlage. Viele Hausbesitzer ohne ein solches „perfektes“ Dach haben den Gedanken an eigenen Solarstrom daher verworfen. Doch die Zeiten haben sich geändert. Heute steht nicht mehr die maximale Stromerzeugung zur Mittagszeit für die Netzeinspeisung im Vordergrund, sondern die optimale Deckung des eigenen Strombedarfs über den gesamten Tag. Genau hier spielt eine Ost-West-Ausrichtung ihre überraschenden Stärken aus und erweist sich oft als die wirtschaftlich klügere Wahl.
Der Mythos des perfekten Süddachs: Warum die alte Regel nicht mehr immer gilt
Die Logik hinter der Bevorzugung von Süddächern ist einfach: Wenn die Sonne mittags am höchsten steht, treffen ihre Strahlen am senkrechtesten auf die nach Süden ausgerichteten Solarmodule. Das Ergebnis ist die maximale Leistung, die sogenannte „Mittagsspitze“. In Zeiten hoher Einspeisevergütungen war dieses Modell unschlagbar, da jede erzeugte Kilowattstunde (kWh) gutes Geld einbrachte.
Heute ist die Situation eine andere:
- Geringe Einspeisevergütung: Der Verkauf von Strom an den Netzbetreiber ist kaum noch lukrativ.
- Hohe Strompreise: Jede Kilowattstunde, die Sie nicht vom Energieversorger kaufen müssen, bedeutet eine erhebliche Ersparnis.
Das Ziel hat sich also verschoben: von maximaler Erzeugung zu maximalem Eigenverbrauch. Und hier stößt das Süddach an seine Grenzen. Der Strombedarf eines typischen Haushalts erreicht seine Spitzen nämlich nicht mittags, sondern morgens und abends – genau dann, wenn eine Südanlage noch schläft oder bereits wieder schläft.
Ertragsprofile im Vergleich: Die Sonne wandert, Ihr Strombedarf auch
Um den Vorteil einer Ost-West-Anlage zu verstehen, hilft ein Blick auf die Erzeugungskurven über einen Tag. Während eine Südanlage eine hohe, aber schmale Ertragskurve aufweist, erzeugt eine Ost-West-Anlage eine breitere, flachere Kurve, die oft einem zweihöckrigen Kamel ähnelt.
- Südausrichtung: Produziert zwischen 11 und 15 Uhr enorme Strommengen, die oft den aktuellen Bedarf übersteigen. Dieser Überschuss wird für wenig Geld ins Netz eingespeist.
- Ost-West-Ausrichtung: Die Ostseite beginnt früh am Morgen mit der Stromproduktion, ideal für den Kaffee, das Radio und den Start ins Homeoffice. Die Westseite übernimmt am Nachmittag und versorgt den Haushalt bis in die Abendstunden, wenn gekocht, gewaschen und ferngesehen wird.
Ein typisches Alltagsszenario:
Stellen Sie sich einen Vierpersonenhaushalt vor. Morgens laufen Kaffeemaschine, Toaster und Föhn. Tagsüber ist der Verbrauch gering, vielleicht läuft ein Laptop im Homeoffice. Ab dem späten Nachmittag steigt der Bedarf massiv an: Der Herd wird eingeschaltet, die Waschmaschine läuft, und die Kinder nutzen elektronische Geräte. Eine Ost-West-Anlage deckt diese Verbrauchsspitzen am Morgen und Abend deutlich besser ab als eine reine Photovoltaik-Anlage mit Südausrichtung.
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Ab 2.099,00 €Die Wirtschaftlichkeit im Detail: Wann rechnet sich die doppelte Belegung?
Obwohl eine Ost-West-Anlage unterm Strich pro installiertem Kilowattpeak (kWp) etwa 10 bis 20 % weniger Jahresertrag liefert als eine perfekt nach Süden ausgerichtete Anlage, ist sie oft die rentablere Lösung. Der Grund liegt in der deutlich höheren Eigenverbrauchsquote.
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Höherer Eigenverbrauch ohne Speicher:
Eine gut geplante Ost-West-Anlage kann die Eigenverbrauchsquote um 10 bis 15 Prozentpunkte gegenüber einer Südanlage erhöhen. Das bedeutet, dass Sie einen größeren Teil Ihres teuren Netzstroms durch günstigen, selbst erzeugten Solarstrom ersetzen. Jeder Prozentpunkt mehr an Eigenverbrauch spart bares Geld. -
Bessere Nutzung der Dachfläche:
Ein weiterer Vorteil ist die oft größere verfügbare Fläche. Bei Satteldächern können beide Seiten belegt werden, wodurch sich häufig eine insgesamt größere Anlagenleistung installieren lässt als auf nur einer Dachhälfte. Trotz des geringeren spezifischen Ertrags kann eine 10-kWp-Anlage auf einem Ost-West-Dach so in der Summe mehr Strom erzeugen als eine 7-kWp-Anlage auf einem kleineren Süddach. -
Geringere Lastspitzen im Netz:
Auch für das Stromnetz ist die gleichmäßigere Erzeugung von Ost-West-Anlagen vorteilhaft, da sie die starken Mittagsspitzen abfedert. Dies trägt zur Netzstabilität bei und wird von Netzbetreibern begrüßt.
Faustregel zur Rentabilität: Je besser die Stromerzeugung zu Ihrem Verbrauchsverhalten passt, desto schneller amortisiert sich Ihre Investition. Wenn Sie vor allem morgens und abends Strom benötigen, ist eine Ost-West-Anlage fast immer die bessere Wahl.
Technische Aspekte und Voraussetzungen für eine Ost-West-Anlage
Die Installation einer Photovoltaik-Anlage auf einem Ost-West-Dach ist heute technischer Standard und unkompliziert. Einige Punkte sollten Sie jedoch beachten:
- Dachneigung: Ideal sind flachere Dächer mit einer Neigung zwischen 10 und 30 Grad. Aber auch bei steileren Dächern bis 45 Grad ist eine Ost-West-Belegung noch sehr sinnvoll.
- Wechselrichter: Sie benötigen einen Wechselrichter mit mindestens zwei MPP-Trackern (Maximum Power Point). Das ist entscheidend, da die Ost- und die Westseite zu unterschiedlichen Zeiten unterschiedlich viel Leistung erbringen. Jeder moderne Wechselrichter, wie Sie ihn etwa auf Photovoltaik.info finden, erfüllt diese Anforderung.
- Verschattung: Wie bei jeder Anlage muss die Verschattung durch Bäume, Schornsteine oder Nachbargebäude geprüft werden. Da die beiden Dachseiten unabhängig voneinander arbeiten, wirkt sich eine morgendliche Verschattung der Westseite jedoch nicht auf den Ertrag der Ostseite aus.
Häufig gestellte Fragen (FAQ)
Ist mein Dach für eine Ost-West-Anlage geeignet?
Ja, fast jedes Satteldach mit einer entsprechenden Ausrichtung ist geeignet. Entscheidend sind weniger die exakten Himmelsrichtungen als vielmehr eine freie, unverschattete Fläche und eine sinnvolle Dachneigung.
Wie viel weniger Strom erzeugt eine Ost-West-Anlage insgesamt?
Pro installiertem kWp liegt der Jahresertrag etwa 10 bis 20 % unter dem einer optimalen Südanlage mit 30 Grad Neigung. Dieser rechnerische Nachteil wird jedoch oft durch die größere installierbare Leistung und vor allem durch den deutlich höheren Eigenverbrauch mehr als ausgeglichen.
Brauche ich für eine Ost-West-Anlage einen Stromspeicher?
Ein Stromspeicher ist eine sinnvolle Ergänzung für jede PV-Anlage, um den Eigenverbrauch weiter zu maximieren. Eine Ost-West-Anlage funktioniert aber auch ohne Speicher bereits sehr effizient, da sie den Direktverbrauch über den Tag besser abdeckt. Der Kauf eines Speichers lässt sich so unter Umständen auf einen späteren Zeitpunkt verschieben.
Sind die Installationskosten höher?
Die Kosten pro kWp sind in der Regel identisch mit denen einer Südanlage. Da oft mehr Module installiert werden, können die Gesamtkosten höher sein, aber dafür erhalten Sie auch mehr Leistung und eine bessere Stromversorgung über den Tag.
Was ist bei Verschattung auf einer Dachhälfte zu beachten?
Dank moderner Wechselrichter mit mehreren MPP-Trackern oder dem Einsatz von Leistungsoptimierern hat eine Verschattung auf einer Dachseite keinen Einfluss auf die Leistung der anderen, unverschatteten Seite.
Fazit: Die Ost-West-Ausrichtung als intelligente Wahl für den Eigenverbrauch
Die Zeiten, in denen nur das Süddach als rentabel galt, sind vorbei. Für moderne Haushalte, die ihren teuren Netzstrombezug minimieren und ihre Unabhängigkeit maximieren möchten, ist eine Ost-West-Anlage oft die überlegene Lösung. Sie wandelt ein vermeintlich „suboptimales“ Dach in ein Kraftwerk um, das perfekt auf den realen Strombedarf zugeschnitten ist.
Immer mehr Hausbesitzer erkennen die Vorteile einer an ihren Verbrauch angepassten Anlagenauslegung und entscheiden sich bewusst für diese intelligente Alternative.
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