Photovoltaik in Bayern und Horst Seehofers Energiepolitik

28. März 2014 | Von | Kategorie: Meinungen

Ein Veto zu den großen politischen Fragen aus Bayern ist in Deutschland nichts ungewöhnliches. Daran hat sich der Rest der Republik gewöhnt und reagiert in der Regel gelassen. Als aber Anfang Februar 2014 der bayrische Ministerpräsident Horst Seehofer die Neuverhandlung der Stromtrassen von Nord- nach Süddeutschland forderte, wurde er sofort zum Feindbild aller Parteien und Wirtschaftsverbände. Von „Blockade der Energiewende“ bis „Kommunalwahltaktiker“ reichen seither die Vorwürfe gegen den CSU-Politiker. Denn für den nationalen Energiekonsens gilt es als ausgemacht, dass bis 2022 vier gewaltige Stromautobahnen aus dem Norden mit insgesamt 10 GW Kapazität den drohenden Energie-Engpass in Süddeutschland ausgleichen sollen. Aber ein großer Taktiker wie Horst Seehofer legt sich nicht umsonst mit der gesamten Energie-Lobby an.

Bayern ist das Musterland der Erneuerbaren Energien

In Sachen „Erneuerbare Energien“ fiel es dem bayrischen Ministerpräsidenten leicht, seinen Kritikern den Wind aus den Segeln zu nehmen. Wurde noch 2012 das Bundesland Brandenburg als führende deutsche EE-Macht gefeiert, so hat diese Position 2013 eindeutig Bayern übernommen. Seit Jahren verzeichnet der Freistaat Rekordzuwächse im alternativen Energie-Bereich, die größten davon in der Photovoltaik. 2012 betrug die neu installierte PV-Kapazität ca. 1.500 MW, 2013 zu bereits wesentlich schlechteren Förder-Tarifen immer noch 900 MW. Mit rund 465.000 Photovoltaikanlagen, die es auf insgesamt 10.400 MW Spitzenleistung bringen, steht fast ein Drittel der deutschen Anlagen zur solaren Stromerzeugung in Bayern. Ca. 34 % der bayrischen Stromproduktion kommen derzeit bereits durch Erneuerbare Energien zustande. Das, so konstatierte Horst Seehofer genüsslich, sei ein Wert, der bundesweit als Zielsetzung erst für 2022 vorgesehen ist.

Der Solarboom in Bayern

Ein besonderes Verdienst der Landesregierung in München ist diese Entwicklung bei der Photovoltaik allerdings nicht. In Bayern kommt nur besonders günstig zusammen, was das EEG als förderliche Rahmenbedingungen geplant hatte: wirtschaftliche Erträge, sichere Einspeisevergütung und individuelle Initiative.

Im Süden der Bundesrepublik gibt es nun einmal die meisten Flächen mit einer Sonneneinstrahlung bis 1.191 kWh pro Quadratmeter, dem Höchstwert in Deutschland. Diese Standorte genießen einen Ertragsvorteil von ca. 20 % gegenüber den weniger günstigen Orten in Mittel- und Norddeutschland. Das mag für private Betreiber nicht unbedingt bedeutsam sein – im industriellen Maßstab ist diese Größe ein echter Gewinn steigender Faktor. Nicht umsonst verfügt Bayern über die meisten Solarparks Deutschlands, davon zwischenzeitlich sogar über den größten der Welt. Mehr als 50 % aller deutschen PV-Anlagen mit einer Kapazität von über 1 MW befinden sich auf bayrischem Territorium.

Mit dem Preisverfall der Solarmodule bei weiterhin attraktiver Einspeisevergütung verdoppelten sich die PV-Kapazitäten in Bayern jedes Jahr. Von 2009 bis 2012 schoss der Solarstrom von 2,6 % auf 8,8 % Anteil an der bayrischen Gesamtstromproduktion.

Seit die Eigenproduktion deutlich preiswerter ist als der Strombezug, stellen immer mehr Mittelständler, Bauernhöfe und private Anwesen auf Photovoltaik um. Im Freistaat existiert genau diese breite und investitionsbereite Mittelschicht, für die Solarstrom eine echte wirtschaftliche Alternative ist. Die Durchschnittskapazität einer PVA in Bayern beträgt 27,4 kWp – das spricht bei aller Großflächen-Produktion immer noch für eine weit verbreitete Anwendung und eine große Anzahl privater Betreiber, die eine Kapazität von 10 kWp nicht überschreiten.

Zum Vergleich: In jedem ostdeutschen Bundesland liegt die durchschnittliche Kapazität höher. Hier setzen die politisch Verantwortlichen auf Großprojekte. Der Solarboom wird in einem viel geringerem Maße von den Bürgern getragen.

Bei der bayrischen Mentalität zur Selbstversorgung stellt der prognostizierte Anteil von 14 % am bayrischem Strom-Mix im Jahr 2021 sicher keine gewagte These dar.

Der alternative Strom-Mix in Bayern

Der Solarboom passt gut zur bayrischen Energie-Tradition. Die natürliche Energieerzeugung aus Wasserkraft und Biomasse wird hier seit jeher gepflegt. Die strömungsstarken Flüsse im Süden Deutschlands sorgen schon seit 100 Jahren für Strom. Hackschnitzel und Pellets als Abfallprodukte der weit verbreiteten Sägewerke dienten bisher eher der Wärmeerzeugung. Diese Bereiche wurden ebenfalls vom EEG erfasst und verzeichnen seither ein stetes Wachstum. Aktuell sichern sie knapp 20 % der bayrischen Stromversorgung; bis 2021 sollen es 25 % sein. Ob es zu diesem Zeitpunkt – wie von der Münchener Landesregierung geplant – schon zu 50 % Anteil Erneuerbarer Energien am Strom-Mix reicht, ist trotzdem fraglich. Denn bei der Windkraft stellen sich die Bayern stur. Die Windräder werden allgemein als „Verschandelung“ der schönen bayrischen Landschaft angesehen. Mit der neuesten Verordnung, wonach Windräder das Zehnfache ihrer Höhe als Längenabstand zum nächsten bewohnten Haus einhalten müssen, wird die Windkraft ausgebremst. Bei den heute üblichen ertragsstarken Windrädern von 200 Metern Höhe sind das immerhin 2 Kilometer – dafür finden sich auch in Süddeutschland nicht viele günstige Standorte.

Diese schöne Übereinstimmung zwischen breiter Volksmeinung und Landespolitik schlägt dann auch auf die Stromtrassen durch. Denn die gewaltigen Gigawatt-Leitungen mit vier Endpunkten in Bayern stellen für die Bevölkerung einen noch viel größeren Schrecken als Windräder dar.

Die Bayern sind gegen die Stromtrassen

Die Bayern sind gegen die Stromtrassen

Bayern gegen „Monstertrassen“

In dem Maße, wie sich im ganzen Land Widerstand gegen die Stromautobahnen aus dem Norden formierte, rückte auch der Landesvater vom im Bundesrat 2013 mit beschlossenen Sued.Link-Projekt ab. Die Kommunalwahlen im März waren Horst Seehofer offenbar wichtiger als der energiepolitische Konsens. Dass dabei noch gewaltig mit dem bayrischen Autarkie-Denken gerasselt wurde, sollte wohl noch mehr Wähler-Wasser auf die CSU-Mühlen gießen.

Der Freistaat Bayern ist laut Seehofer weder bereit, Strom aus Österreich oder Tschechien zu beziehen, noch Pumpspeicherwerke einzurichten. Spätestens an diesem Punkt taucht die Frage auf, wie die bayrische Energieversorgung ab 2015 gesichert werden soll. Denn in diesem Jahr geht das erste von sechs Atomkraftwerken in Bayern vom Netz – und die sichern immer noch knapp 50 % des Strombedarfs im Süden Deutschlands. Seit 30 Jahren, noch in den Zeiten von Franz Josef Strauss, trieb Bayern den AKW-Bau voran. Der Anteil des Atomstroms im Freistaat lag in der Regel zu 100 % über dem nationalen Durchschnitt.

„Roll back“ mit Atomstrom?

Einige Seehofer-Kritiker verharren deshalb nicht bei der allgemeinen Energiewende-Schelte, die über dem bayrischen Ministerpräsidenten landesweit ausgegossen wurde, sondern vermuten noch einige weitere Schachzüge des gewieften Strategen.

Mit der vorüber gehenden Entrüstung zu seiner Trassen-Kritik kann Horst Seehofer leben, zumal er den Fokus auf die Stromautobahn aus Sachsen gelegt hat. Denn was sein Land hier geliefert bekommt, ist kein grüner Strom von der Nordsee, sondern Braunkohle-Strom aus den mittel- und ostdeutschen Tagebauen. Dieser fossile Energieträger ist in der Tat der größte Luftverschmutzer im Energiebereich. Die Unannehmbarkeit eines solchen Angebots versteht auch der in Energiefragen ungeübteste bayrische Wähler. Hat der Landesvater erst einmal den Konsens mit der Bevölkerung gegen „ausländische“ Stromlieferungen hergestellt, wird diese auch mit den Konsequenzen leben. Gegenwärtig ist für das unterfränkische Atomkraftwerk Grafenrheinfeld der Neubau eines Gaskraftwerkes im Gespräch, das die ausfallende Kapazität nach 2015 übernehmen soll. Die bayrische Wirtschaftsministerin Ilse Aigner (CSU) weiß indes nicht, wo das Geld dafür herkommen soll. Der sukzessive Ersatz von Atomkraftwerk in diesem engen Zeitrahmen dürfte schwierig werden – leicht dagegen wäre es, das eine oder andere Kernkraftwerk noch etwas länger am Netz zu lassen. Dann hätte die aktuelle energiepolitische Eskapade von Horst Seehofer einen tiefen Sinn. Die saubere Bilanz des Freistaats in Sachen Erneuerbare Energien dagegen bekäme einen faden Beigeschmack.

Wird Bayern zum Vorreiter des dezentralen Energiekonzepts?

Ein unbestreitbarer Verdienst Seehofers ist es dagegen, zumindest das Ausmaß der Nord-Süd-Stromautobahnen zu hinterfragen. Das 40-Milliarden-Projekt soll letztendlich gerade einmal 5 % der deutschen Stromproduktion transportieren – wenn die Offshore-Anlagen 2030 auch wirklich 30 GW Leistung erreichen.

Gegenwärtig aber stößt die Speicherung von Solarstrom eine neue Dimension vor. Hausspeicher entlasten das öffentliche Netz. Mit der Umwandlung von Solarstrom in klimaneutrales Methan wird gerade eine Technologie entwickelt, die absolut kompatibel zu den bestehenden Verbundsystemen ist. Jeglicher Ökostrom würde speicherbar und verfügungssicher.

Sind die Stromautobahnen wirklich die einzige Alternative für das Gelingen der Energiewende?

Das bayrische Autarkiestreben birgt möglicherweise noch eine ganz anderen Diskussion in sich: die Abkehr vom zentralen Energiekonzept. Öko-Experten befürworten schon lange den Ausbau dezentraler Strukturen. Das Veto aus Bayern zu den Giga-Stromtrassen könnte den Auftakt zu einem ganz neuen nationalen Strom-Konsens geben.

 

geschrieben von: Patrick Thoma

Patrick Thoma

Patrick Thoma ist im Bereich der Erneuerbaren Energien tätig. Er ist Autor und Herausgeber der Seite Photovoltaik.info auf der es um allgemeine Themen der Photovoltaik geht. Ziel der Seite ist es, Themen zu behandeln die einen Interessenten für eine Photovoltaikanlage beschäftigen und diese in einfachen Worten zu erklären.

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